Industrie und andere Großbetriebe

Alle bisher aufgeführten Handels- und Handwerksbetriebe waren aber zumeist Kleinbetriebe mit weniger als 10, meist unter 5 Mitarbeitern. Zu den Großunternehmen in Erkner gehören natürlich die beiden der Chemieindustrie: Rütgerswerke AG (Teerverarbeitung) und Bakelite GmbH (Kunststoffproduktion). Für 1938 liegt eine Übersicht der größten Gewerbebetriebe Erkners vor.

Rütgerswerke 1929, Retortenhaus
Rütgerswerke 1929,
Retortenhaus

Die Rütgerswerke AG gehörte mit über 100 Zweigbetrieben in Deutschland und vielen Staaten Europas lange Zeit zu den großen Chemieunternehmen. Ihr Schwerpunkt lag in der Verarbeitung von Steinkohlenteer. Damit schuf sie für die gesamte Chemieindustrie Grundprodukte, die heute zumeist aus der Erdölverarbeitung stammen. Und die „Theerproductenfabrik Erkner“ war ab 1860/61 die erste derartige industrielle Teerdestillation zumindest in Deutschland. Verarbeitet wurden vor allem der aus den weitverbreiteten Gasanstalten stammende Steinkohlenteer, der dort ursprünglich als Abfall anfiel.
In den 1920/30er Jahren entstanden auch einige charakteristischen Neubauten, vor allem 1934 das damals sogenannte „Rütgershochhaus“, das als „Toluolturm“ bis zu seinem Abriss 1995 ein Wahrzeichen am Bahnhof Erkner war.

Zu den Produkten der Rütgerswerke in Erkner gehörte unter hunderten anderen auch das Karbol (heute Phenol genannt), das die Basis für das zweite Chemiewerk in Erkner wurde. 1909/10 entstand zunächst auf dem Gelände des Teerwerks die Tochterfirma Bakelite GmbH. Sie wurde zum Pionier eines völlig neuen Produktes, das bald den Weltmarkt eroberte: Kunststoff! Dieses „Bakelite“ genannte Material wurde zwar nicht in Erkner erfunden – sondern von Dr. Leo H. Baekeland in New York/USA –, aber hier weltweit zuerst in den industriellen Maßstab (also in die Massenproduktion) überführt! Unter der Leitung des Rütgers-Chefchemikers Dr. Max Weger entstand hier die erste Kunststofffabrik, die am 25. Mai 1910 gegründete Bakelite GmbH. Baekeland selbst gründete erst im Herbst 1910 seine eigene Firma in den USA. Erkner wurde damit sozusagen zur „Wiege des Kunststoffzeitalters“! Die Rütgerswerke und die Bakelite Gesellschaft hatten von Baekeland die Rechte zur Produktion und Vermarktung des Bakelits für ganz Europa erworben.

Bakelite Werk I an der Flakenstraße
Bakelite Werk I

Bald wuchs die Produktion aus kleinen Anfängen, so dass ab 1911/12 die Planungen für ein eigenes Werk begannen. Es sollte auf dem dem Teerwerk gegenüberliegenden Ufer an Flakenstraße entstehen. Kurz vor Ausbruch des Krieges 1914 begannen die Bauarbeiten. Die offizielle Inbetriebnahme verzögerte sich aber bis nach Kriegsende, als dieses Werk eigentlich bereits zu klein war. Bereits in den 1920er Jahren erwarb die Bakelite deshalb das Grundstück zwischen Berliner Straße und dem Güterbahnhof Erkner (Ladestraße), auf dem dann 1936-38 ihr Werk II entsteht. Bis heute wird dort Kunststoff produziert.

1936-38 entstand in Erkner die Kugellagerfabrik, ein Zweigwerk der Vereinigten Kugellager-Fabriken AG in Schweinfurt, die für 2000 Arbeiter konzipiert war, was erst auf dem Produktionshöhepunkt im Krieg 1943 erreicht wurde, allerdings mit einem großen Anteil von Zwangsarbeitern!

Zur Entwicklung der Industrie Erkners in den 1930er Jahren.

Rütgerswerke, 1926 (m), Bahnhof (lu), Bakelite Werk I (mro)
Rütgerswerke, 1926
Bakelite Werk II, um 1938
Bakelite Werk II, um
1938
Kugellagerfabrik, um 1940
Kugellagerfabrik, um
1940
S-Bahn, Bahnhof Erkner, Pressefahrt zur Eröffnung 1928
S-Bahn, Bahnhof
Erkner, 1928

Aber eine der größten Arbeitgeberinnen für Erkneraner taucht in den Angaben für Erkner nicht auf, da sie hier nicht ihren Sitz hat: die Reichsbahn! Nur unvollständig geben die Adressbücher einen Einblick, da jeweils nur die Familienoberhäupter genannt werden, also mögliche weitere in den Familien lebende Mitarbeiter – Ehefrauen, Kinder – fehlen. Trotzdem ist die Bedeutung der Bahn erkennbar:

Reichsbahnhäuser Hafenstraße, um 1935
Reichsbahnhäuser
Hafenstraße

1914 sind im Adressbuch 153 Bahnmitarbeiter zu ermitteln, vom Wagenreiniger bis zum Oberbahnhofsvorsteher. Besonders auffallend sind darunter die 42 Lokführer. Bis 1939 stieg die Zahl der Mitarbeiter auf 199. Zwar lebten dann in Erkner nur noch 27 Lokführer, dafür aber 40 Triebwagenführer, die mit der Elektrifizierung der Vorortstrecke Potsdam/Berlin – Erkner 1928 (ab 1930 „S-Bahn“) Einzug hielten. Viele wohnten in den 1934 fertiggestellten „Reichsbahnhäusern“ an der Hafenstraße.

Übersicht der größten Firmen Erkners

Firmen Erkners ab 15 Mitarbeitern 1938

GewerbebetriebMitarbeitendeAnmerkung
Kugellager-Schweinfurt800demnächst Betriebseröffnung
Bakelite509 
Rütgerswerke333davon 4/5 männlich, 1/5 weiblich
Deutscher Schutz und Wachdienst318 
Baufirma Riedel161Für den Bau der Kugellagerfabrik
gegründete Niederlassung einer
Baufirma aus Schweinfurt.*
Bruchmann – Baufirma50 
Habel – Baufirma47 
Sägewerk Baier47 
Kreiswasserwerk Erkner45 
Steinsetzmeister Krawczyk38 
Niederlage der Berliner Kindl-Brauerei20 
Dachdeckerei Hoffmann20 
Buchdruckerei Dr. Neumann20 
Lindner – Malermeister15Wahrscheinlich ist die Firma
Linsener gemeint.*

* Anmerkung der Autoren

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