Kriegswirtschaft
Rüstungsproduktion in Erkner
Meist blieben nur Rüstungsbetriebe oder kriegswichtige Firmen geöffnet oder wurden in solche umgewandelt. Zahlreiche kleine Geschäfte mussten schließen, da der Inhaber bzw. andere Mitarbeiter eingezogen oder die Versorgung mit Rohstoffen, Materialien und Produkten eingeschränkt wurde. Deutschland war nicht in der Lage zu einem lang andauernden industriellen Abnutzungskrieg. Die Absperrung vom Weltmarkt, z.B. durch Seeblockade, verschärfte dies weiter. Alle Ressourcen wurden dem Kriegsbedarf unterstellt.
Die bisherige „Maschinenfabrik F.A. Schmidt“ in der Königstraße 50 (heute R.-Breitscheid-Straße) wurde auf die Produktion von 10,5 cm Stahlgranaten umgestellt. Fortan wurde für einen besonders wichtigen Facharbeiter alle drei Monate die Freistellung vom Wehrdienst („Reklamierung“) erwirkt. Andere Arbeiter wurden durch Frauen und Jugendliche ersetzt, für die regelmäßig die Genehmigung von Schichtarbeit beantragt wurde. Auch die Erhöhung der täglichen Arbeitszeit auf 12 Stunden diente der Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften.
Dies geschah ähnlich in der Holzwollefabrik, die sich in der ehemaligen Eisfabrik am Flakensee (späteres Kyffhäuser-Gelände) eingerichtet hatte. Da ihr Produkt in vielen Bereichen, z.B. für Matratzen, Sättel, als Isolations- oder Stoßschutzmaterial gebraucht wurde, beantragte die Firma zusätzlich Nachtarbeit mit Schichten à 12 Stunden.
In den diversen Teerdestillationen der Rütgerswerke wurden von Heer und Marine sämtliche produzierten Teeröle u.a. als Treib- oder Schmierstoffe mit Beschlag belegt. Das hiesige Teerwerk mußte Teile der Produktion ausweiten. So wurde erstmals der Hof 2 (etwa das heutige Aldi-Gelände) bebaut. Im Antrag an den Gemeindevorsteher findet man diesen Hinweis auf die kriegswichtige Produktpalette:
„Wir liefern Benzole für die Verkehrs- und Fliegertruppen; Heizöle, Schiffanstriche und Naphthalin für die Marine; Toluol für die Sprengstoff-Fabriken; Karbolsäure, Pyridin, Ammoniaksalz, Kumaronharze, präparierte Teere usw. für die Behörden.“ (Zit. in: Präkel 1997, S. 19)
Auch die Bakelite Gesellschaft belegte ihre Kriegswichtigkeit. Speziell die elektrische Isolationsfähigkeit des Kunststoffs Bakelit führte zu vielfältigen Anwendungen beim noch recht neuen Einsatz elektrischer Geräte an der Front, wie bei der Beleuchtung und besonders bei den sich rasant entwickelnden Nachrichtentruppen. Großen Bedarf hatte die Marine, z.B. an Schalttafeln, die bisher aus schwerer Keramik oder Marmor bestanden.
Trotz ihrer Kriegswichtigkeit stockte aber bei der Bakelite GmbH der Bau ihres ersten eigenen Werkes an der Flakenstraße 28-31. Die 1913 eingereichte Baugenehmigung wurde am 2. Februar 1915 gewährt. Es wurde weiter auf dem Gelände des Teerwerks produziert. Erst nach Kriegsende konnte der Neubau fertiggestellt und eröffnet werden, am 10. Februar 1919 erfolgte die baupolizeiliche Nutzungsgenehmigung.
Umso mehr erstaunt daher, dass trotz fehlender Baukapazitäten und reglementierter Materialversorgung die stählerne Fußgängerbrücke über das Flakenfließ während des Krieges gebaut und am 6. Mai 1918 vom Gemeindevorsteher Möhricke offiziell übernommen werden konnte.
