Moderne Massenmedien

Das modernste Massenmedium zwischen den beiden Weltkriegen war das Radio!

Bereits vor 1914 hatten sich vor allem Tageszeitungen in Erkner etabliert. Seit 1890 erschien sogar eine in Erkner herausgegebene und gedruckte Tageszeitung, zunächst unter dem Titel „Lokal-Anzeiger für Erkner“. Nach mehrfachem Wechsel des Titels und Eigentümers kaufte sie Ende 1912 Dr. J. H. Neumann, der sie fortan als „Allgemeiner Anzeiger“ für Erkner und Umgebung verlegte. Anfang 1929 verschmolz sie mit der „Woltersdorfer Zeitung“.

Zwar gab es zu dieser Zeit bereits das Grammophon, dessen Verbreitung aber in Erkner bis 1914 wahrscheinlich noch gering war. Sicher wurde Musik in Erkner noch weitgehend „handgemacht“, wie mehrere Chöre oder auch die Werbung der Lokale für Tanzveranstaltungen mit Kapellen zeigen.

Erkners erstes Kino im „Märkischen Hof“
Erkners erstes Kino
im „Märkischen
Hof“

Spätestens ab 1912 lässt sich in Erkner das erste „Lichtspieltheater“ (Kino) nachweisen, damals betrieben von Albert Zernicke im Saal der Gaststätte „Märkischer Hof“, Friedrichstr. 69/70 (gegenüber dem heutigen Rathausanbau). In den 1920er Jahren existierten hier bis zu drei Kinos gleichzeitig: außer dem Märkischen Hof das Schulkino („Schul- und Gemeinde-Bildspiele“) in der Turnhalle und ein weiteres im Restaurant „Gesellschaftshaus“ an der Brücke über das Flakenfließ. Bis 1930 wurden ausschließlich Stummfilme gezeigt, oft begleitet von Pianisten, kleinen Kapellen, manchmal von Sängern, später auch von Schallplatten.

AAE, 18.09.1930: 1. Tonfilm in Erkner
1. Tonfilm in Erkner

Am 19. September 1930 hielt in Erkner der Tonfilm Einzug. Im Kino im „Gesellschaftshaus“ sang und spielte Opernsänger Richard Tauber „Ich glaube nie mehr an eine Frau“. Der Erfolg war in Erkner riesig, so dass der AAE am 22. September meldete:

„Vom Tonfilm. Infolge des großen Andranges der letzten Tage hat sich Herr Karbe bereit gefunden, den Tauber-Tonfilm heute Montagabend noch einmal laufen zu lassen. Was der Tonfilm bietet, ist kaum faßbar für Augen und Ohren. Alles ist verblüfft über das großartige Zusammenarbeiten von Sprache und Mundbewegung. Die Laute, die dem Sprecher oder Sänger entströmen, haben eine seltene Klangreinheit. Das Grammophon kann keine Vergleiche aushalten. Herr Hermann Karbe hat keine Mühe und Unkosten gescheut, um die nötige Apparatur in seinem Kino einbauen zu lassen, wodurch er in die Lage versetzt ist, 100%ige Tonfilme zu geben. Als Kulturmensch muß man den Tonfilm gesehen und gehört haben.“

Wichtige Voraussetzung für die massenhafte Verbreitung moderner Medien war der Anschluss Erkners an das Stromnetz. Zwar erfolgte dies bereits 1913 mit dem Kreiswasserwerk, dessen Pumpen elektrisch betrieben wurden. Aber bis zum Kriegsbeginn und in den Kriegsjahren konnte das Kabelnetzes in Erkner bestimmt nicht weit ausgebaut werden.

Erkner und das Radio

Das anfangs meist noch Rundfunk oder „drahtlose Telephonie“ genannte Radio brauchte nach Ende des Ersten Weltkrieges in Deutschland einige Jahre bis zum Durchbruch. Zwar waren wesentliche Grundlagen bereits vor 1914 entstanden, aber im Krieg wurden diese weitgehend für militärische Zwecke genutzt. Allerdings sollen bereits 1917 an der Westfront Übertragungen von Musik und Lesungen zur Unterhaltung versucht worden sein.

Einfacher Rundfunkempfänger: Detektor mit Kopfhörern
Einfacher Detektor

Wahrscheinlich gab es auch in unserer Region Kriegsheimkehrer, die in der neu entstandenen Nachrichtentruppe oder auch bei der Marine Funk-Erfahrungen gesammelt hatten. Für sie war es nicht schwer, einfache Geräte für den Empfang – sogenannte Detektoren – zu bauen. Sie brauchten nicht mal einen Stromanschluss.

Die Entwicklung wurde jedoch massiv behindert, weil Nachrichtentechnik zu den Kriegsgütern gehörte, die Deutschland an die Alliierten abliefern musste. Und der Funk-Empfang war bis 1923 für Privatpersonen in Deutschland verboten, als sich in anderen Ländern der Rundfunk bereits rasant entwickelte.

Somit konnte hier kaum jemand legal die zu Testzwecken am 22. Dezember 1920 ausgestrahlte erste Rundfunkübertragung der Deutschen Reichspost vom Sender Königs Wusterhausen empfangen:

„Hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700. Meine Damen und Herren, zum Zeichen, dass unsere Station jetzt großjährig geworden ist, wollen wir Ihnen ein kleines bescheidenes Weihnachtskonzert senden.“

Vox-Haus, Potsdamer Straße 4, Sitz der „Berliner Funk-Stunde“
Vox-Haus in Berlin

Postmitarbeiter trugen Gedichte vor, sangen Lieder und spielten auf eigenen Instrumenten. Der Funkerberg wurde damit der Geburtsort des Rundfunks in Deutschland.

Erst im Juli 1923 wurde in Deutschland das alliierte Verbot des Rundfunkempfangs aufgehoben, blieb aber zunächst auf dem Höhepunkt der Inflation für die meisten unerschwinglich! Selbst als am 29. Oktober 1923 mit der „Berliner Funk-Stunde“ aus dem Vox-Haus in der Berliner Potsdamer Straße der reguläre und regelmäßige Sendebetrieb begann, gab es noch keinen offiziellen Hörer. Erst zwei Tage später wurde der Berliner Tabakwarenhändler Wilhelm Hollhof erster registrierter Rundfunkhörer, für eine Rundfunkgebühr von 350 Milliarden Mark! Zwei Wochen danach entsprach dieser Inflationsbetrag 0,35 Goldmark.

AAE, 18.03.1924
AAE, 18.03.1924

Spätestens ab März 1924 lassen sich in Erkner erste Aktivitäten mit diesem Medium nachweisen!
Aus der hier noch neuen Berufsgruppe der Elektriker bewarb z.B. Fritz Fohrmeister, der auch bald das erst im Mai 1923 eröffnete Kino „Union-Theater“ an der Straßenbrücke betrieb, als Vertreter der Brandenburgischen Rundfunk GmbH „für Erkner und weitere Umgebung“ „original Telefunken-Apparate“ und „Siemens Lautsprecher“. Albert Walczak, der gerade seine Elektrowerkstatt in der Scharnweberstraße eröffnet hatte, bot wenige Tage später die „Installation für Radio-Anlagen“ an, was offenkundig noch nicht so einfach war!

AAE, 27.03.1924: Einladung zur Gründung des Radio-Klubs für Erkner und Umgebung
AAE, 27.03.1924

Am 29. März 1924 gründete sich eine Ortsgruppe Erkner des „Deutschen Radio-Klub e.V.“. An diesem Samstag fand auch ein „Rundfunk-Konzert im Restaurant Zernicke“ an der Friedrich-/Ecke Seestraße und ein „Radio-Rundfunk- und Lichtbilder-Vortrag aus dem Wunderlande der drahtlosen Telephonie“ im Hotel „Märkischer Hof“, Friedrichstraße 69/70, statt. Ein regelrechtes „Radio-Fieber“ griff um sich, als im Mai 1924 die Rundfunkgebühren von 60 M im Jahr auf 2 M im Monat gesenkt werden.

Am 21. Juni 1925 überraschten Sänger aus Erkner die Radiohörer:

„Eine eigenartige Überraschung wurde gestern Mittag den Hörern des Rundfunks aus Königswusterhausen zuteil. Gegen 3/4 1 Uhr, nach einem vorausgegangenen Konzert des Bläserchors der Berliner Staatsoper, vernahm man zum allgemeinen Erstaunen drei Gesangsvorträge des Männer-Gesang-Vereins „Harmonie“, Erkner, der sich zusammen mit dem Radioklub Erkner zur Besichtigung der Sendestation … nach Königswusterhausen begeben hatte. Alle drei Gesangsstücke waren so deutlich wahrnehmbar, daß von den Kundigen die bekannten Stimmen sofort herausgehört wurden. Die Klangwirkung in ihrem Gesamtbild war eine durchaus volle und abgerundete. …“

Im März 1931 gab es bereits 1700 Rundfunk-Teilnehmer „im Bereich des Postamtes Erkner“, davon in Erkner selbst 900. Bei ca. 2000 Haushalten zu dieser Zeit in Erkner verfügen also bereits etwa 45 % aller Haushalte über Radios!

Volksempfänger und „Goebbelsschnauze“

Volksempfänger VE 301 mit dem Gehäuse aus Bakelit
Volksempfänger
VE 301

„Und den Rundfunk werden wir in den Dienst unserer Idee stellen. Und keine andere Idee soll hier zu Worte kommen.“ (Goebbels am 25. März 1933 vor den Intendanten und Direktoren der deutschen Rundfunkgesellschaften.)

Das Radio war neben der Presse eines der wichtigsten Propagandainstrumente der Nationalsozialisten. Ziel war es, mit Unterstützung deutscher Technikhersteller günstige Einheitsradiogeräte für breite Bevölkerungsschichten bereitzustellen. Nach dem Erfolg des Volksempfängers VE 301 (76 RM) ab 1933 wurde 1938 der noch billigere Deutsche Kleinempfänger DKE 38 (35 RM, etwa das durchschnittliche Wocheneinkommen eines männlichen Arbeiters) eingeführt, im Volksmund auch „Goebbelsschnauze“ genannt.

„Goebbelsschnauze“, Deutscher Kleinempfänger DKE 38
DKE 38, sog.
„Goebbelsschnauze“

Obwohl streng genommen kein Volksempfänger, erfüllte auch der DKE 38 den Zweck der massenhaften Propagandaverbreitung unter dem Motto „Ganz Deutschland hört den Führer“. Gestalterisch schlicht, trug er einen Reichsadler mit Hakenkreuz über dem Frequenzsucher als ideologisches Signal. Zwar konnten mit dem DKE 38 – stark eingeschränkt wegen der schwachen Empfangstechnik – auch ausländische Sender empfangen werden, dies war jedoch verboten. Seit Kriegsbeginn wiesen Warnhinweise auf teils drastische Strafen hin, bis hin zur Todesstrafe für das Hören und Weitergeben sogenannter „Feindsender“.

Bakelite Werk II, Berliner Str.
Bakelite Werk II

Erkner spielte bald bei der Produktion von Funkempfängern eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bereits 1908 beteiligte der damalige Generaldirektor Segall die Rütgerswerke an der Firma Signalbau Huth, die neben Telefunken, Siemens, AEG und Lorenz zu den größten Firmen der Funkindustrie in Deutschland gehörte.
Auch ein wichtiges isolierendes Trägermaterial für die Radiobauteile, wie Röhren, Wiederstände oder Potenziometer, sogenanntes Hartpapier, das bis heute unter dem Markennamen „Pertinax“ bekannt ist, wurde von der Firma Meirowsky & Co. in Köln bereits seit 1911 mit Hilfe von Bakelit aus Erkner hergestellt. Die Stieftochter des Pertinax-Erfinders Max Meirowsky, der später ein neues Werk in Berlin gründete, heirate sogar den Enkel von Julius Rütgers, Rudolf Rütgers jun.
Verschiedenste Empfänger-Modelle mit Bakelit-Gehäuse anstelle von Holz oder Metall, inklusive Halterungen diverser Bauteile, konnten bald aus dem in Erkner erzeugten Bakelit in großen Stückzahlen in über 600 Pressereien deutschlandweit schnell und preiswert hergestellt werden.

So wie es beim Kino viele Jahre (in Erkner bis 1930) dauerte, ehe der Stummfilm vom Tonfilm abgelöst wurde – die Bilder also nicht nur Laufen, sondern auch Sprechen lernten -, dauerte es noch geraume Zeit, bevor der nächste Modernisierungsschub auch hier Einzug hielt. Zwar gab es ab 1929 die ersten Testsendungen von Fernsehbildern, aber selbst der Start des ersten regelmäßigen Programms des „Fernsehsenders Paul Nipkow“ 1935 in Berlin konnte in Erkner von niemanden empfangen werden. Nur in Berlin und Hamburg gab es Fernsehstuben mit Fernsehempfängern. „Fernsehfunk“ war noch weit davon entfernt, Massen zu erreichen. – Das Radio blieb das unangefochtene moderne Massenmedium!

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