Kampf ums Überleben
Im Vordergrund stand die Lösung der Überlebensfragen für die Erkneraner und hunderte Flüchtlinge, insbesondere die Beschaffung von Nahrung und Unterkunft. Es fehlte an allem, auch weil viele der aktiven Nazis, aber auch Betriebsleiter, geflohen waren und dabei wichtige Dinge, wie Fahrzeuge oder Dokumente, mitgenommen hatten. So fehlten alle LKW der Feuerwehr oder Produktionsunterlagen und Patente der Bakelite.
Dazu gab es – nicht immer berechtigte – Verhaftungen. Das bereits Ende April eingerichtete „Speziallager Nr. 5“ des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Ketschendorf (heute zu Fürstenwalde gehörig) füllte sich, auch mit Erkneranern. Zu den ohne Prozess Inhaftierten gehörten ebenfalls zahlreiche Jugendliche, die meist ohne Beweise als angebliche „Wehrwölfe“ monate-, oft jahrelang eingesperrt wurden, wie Ullrich Leuschner, der erst nach drei Jahren zu seiner Familie zurückkehrte. Selbst Bruno Lübkes, Erkners Bürgermeister von 1919 bis 1945, war dort interniert, wo er 1946 starb.
Es gab viele Verletzte und Kranke, Seuchengefahr bestand. Dringend erforderlich war die Einrichtung von Lazaretten. Die Sowjetarmee soll für ihre Truppen in der Berliner Straße ein Lazarett errichtet haben, dessen genauer Standort jedoch nicht überliefert ist.
Für die Erkneraner wurde in der „Villa Sarbok“ – ehemals eine Art Reha-Einrichtung – in der Uferstraße 12 ein Behelfskrankenhaus untergebracht. Als einziger Arzt im Ort musste Dr. Paul Wegenhorst die Leitung übernehmen. Ihm zur Seite standen Fräulein Krüger (spätere Frau Wustrow) und Frau Schale als Krankenschwestern sowie Frau Emmert und Frau Bechstein als Hilfsschwestern, Frau Rauh arbeitete als Köchin.
Wie hier lagen zahlreiche Aufgaben in den Händen der Erkneranerinnen, da viele Männer nicht aus dem Krieg zurückgekehrt oder in Gefangenschaft waren. Sie leisteten in den letzten Kriegstagen und nach Kriegsende nahezu Übermenschliches, um dem Leben in der schwer gezeichneten Gemeinde Erkner wieder etwas an Normalität zurückzugeben. So barg und bestattete Hertha Rintisch mit einigen anderen Frauen die vielen Toten, darunter auch 21 gefallene Sowjetsoldaten.
Nur mit Hilfe des Notstromaggregats des Sägewerks Beier konnten ab dem 25. April wenigstens Bäckereien und Fleischereien mit Elektroenergie versorgt werden. Das Wasserwerk pumpte ab Juni das begehrte Nass in provisorischen Leitungen. Die Gasversorgung aus Berlin ließ wegen Kohlenmangels noch lange auf sich warten.
Täglich forderte die Kommandantur Arbeitskräfte für verschiedenste Aufgaben an, insbesondere ehemalige NSDAP-Mitglieder oder auch ihre Frauen. Die Teilnahme war Voraussetzung für den Erhalt von Lebensmittelkarten. Neben Aufräumungsarbeiten oder der Errichtung des Ehrenmals für die im Kampf um Erkner gefallenen sowjetischen Soldaten erfolgte schon im Mai/Juni die Demontage beider S-Bahngleise nach Berlin und der Umbau eines Ferngleises auf sowjetische Breitspur. Am 29. Mai 1945 erging der Befehl zur Demontage der Anlagen der Kugellagerfabrik, kurz darauf auch der Bakelite.
Horst Präkel berichtete über die Demontage der Kugellagerfabrik:
Mitte Mai 1945 erging die Anordnung sowjetischer Militärstellen, das Werk für den Wiederaufbau herzurichten. Doch am 29. Mai kam der Demontagebefehl, und noch am gleichen Tag wurde mit der Demontage begonnen. Der erste Zug mit beschlagnahmten Maschinen und Materialien verließ am 22. Juni 1945 Erkner. Die nach Demontage-Ende noch vorhandenen größeren Bestände an Rohmaterialien erhielt später die als Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) geführte deutsche Kugellagerfabrik in Leipzig. Die Fabrikationsgebäude in Erkner wurden im Dezember 1946 gesprengt. Erst 1993 begann die Beräumung des Geländes, um Platz für ein Gewerbegebiet zu schaffen. (Präkel, 1999)
Seit ihrem Einmarsch waren viele Rotarmisten in den Haushalten einquartiert. Sie wechselten anfangs aber fast täglich. Im August 1945 mussten die Gewoba-Siedlung und andere Häuser in der Ahornallee bis zur Dämeritzstraße für die sowjetische Einquartierung auf Monate komplett geräumt werden. Die Straßen und das Gelände wurden mit Schlagbäumen abgesperrt. Die Bewohner fanden im stark zerstörten Erkner kaum Unterkünfte.
Im September wurden die bisherigen Notbrücken über Flakenfließ und Löcknitz wieder provisorisch hergestellt. Die Beseitigung der im Lakenfließ bzw. der Löcknitz liegenden Trümmer der gesprengten Brücken erfolgte erst 1946, so dass diese Gewässer so lange auch kaum befahren werden konnten.
Viele der Maßnahmen dienten vor allem der Besatzungsmacht für die Unterbringung bzw. den Transport von Truppen oder Reparationsgütern. An einen Wiederaufbau Erkners war noch lange nicht zu denken.
Eingemeindung nach Berlin?
Wie katastrophal die Lage in Erkner war, zeigt ein Schreiben des vom sowjetischen Ortskommandanten eingesetzten Bürgermeisters Krägenau an den Präsidenten des Provinzialverbandes der Mark Brandenburg vom 28. Juli 1945:
„Da Erkner stets als Randbezirk mit Lebensmitteln aller Art durch die Stadt Berlin versorgt worden ist, und auch der größte Teil der Einwohnerschaft dort tätig war, kann die Eingemeindung Erkners in den Stadtbezirk Berlin nur dringend befürwortet werden.
Erkner ist ca. 60 % am 8.3.44 durch Fliegerangriff total zerstört worden, sämtliche Industrie z.Zt. lahmgelegt, sodaß vorerst keinerlei Erwerbsmöglichkeit für die ganze Bevölkerung vorhanden ist und nach wie vor, sobald die Verkehrslage gebessert ist, der größte Teil der Bevölkerung sich wieder eine Arbeitsstätte in Berlin suchen wird.
Die Bevölkerung Erkners hat in verkehrstechnischer, postalischer und auch ernährungswirtschaftlicher Hinsicht das größte Interesse an eine Eingliederung zur Stadt Gross-Berlin. …“
Ziel dieses Schreibens war die Verbesserung der Lebensmittelversorgung und damit verbunden die Angliederung Erkners an Groß-Berlin! Noch deutlicher als in dem obigen Anschreiben ist das beigefügte zweiseitige Hauptdokument mit zahlreichen Zahlen und Fakten (li: Auszug Original, re: Transkript):


Weitere Informationen zum Antrag Erkners auf Angliederung an Groß-Berlin vom 28. Juli 1945 finden Sie hier.




