Wohnungsbau

Bereits weit vor 1914 begann der Mangel an Wohnraum in Erkner zum Problem zu werden. Selbst auswärtige Zeitungen berichteten darüber, wie das in Oranienburg erscheinende Niederbarnimer Kreisblatt 1886:

„Die Wohnungsverhältnisse in den Vororten haben sich seit Eröffnung der Stadtbahn [1882] wesentlich verändert, besonders in denjenigen, welche mit Berlin unmittelbar verbunden sind, wie z.B. Friedrichshagen und Erkner. In diesem Ort … sind die Wohnungen trotz lebhafter Bautätigkeit so selten geworden, daß neue Häuser schon vermietet sind, wenn der Rohbau noch nicht einmal vollendet ist.“ (NK, 05.03.1886)

Der 1891 bei der Bahn eingeführte Berliner Vororttarif (etwa um die Hälfte reduzierter Fahrpreis in den Vorortzügen) erhöhte den Druck nochmals. Damit setzte verstärktes Berufspendeln ein. Und auch der Zustrom von Erholungsuchenden wuchs. Insbesondere gutzahlende Sommerfrischler, die sich für einige Wochen und sogar Monate in Privathäusern einmieteten, verdrängten Dauermieter. Es wird sogar von Vermietern berichtet, die in dieser Zeit Nebengelasse, wie Scheunen, Ställe oder Waschküchen bewohnten.

Mietshaus in der Königstr. 59 (heute Breitscheidstr.)
Mietshaus in der
Königstr. 59 (heute
Breitscheidstr.)

Mit der Baupolizeiordnung (BPO) von 1892 wurde Erkner der Zone der „landhausmäßigen Bebauung“ zugeordnet. Was zunächst idyllisch nach Villenvorort klingt, verhinderte zwar die Ausbreitung der Berliner Mietskasernen in das Umland, bremste aber massiv die Entwicklung dieser Orte! Vorgeschrieben war offene Bebauung mit 14 m Gebäudeabstand, wobei Nachbargebäude bis zu 40 m Länge aneinandergebaut werden konnten. Maximal zwei Vollgeschosse durften „zum ständigen Aufenthalt“ genutzt werden, Keller und Dachboden nur etwa zur Hälfte. Erkners Gemeindevertreter begrüßten dies zunächst, bemühten sich aber bald – vergeblich – um Ausnahmen.

Bahnhofstr. vor 1914
Bahnhofstraße,
um 1910

Trotzdem hatte Erkner ab ca. 1902 in der Bahnhofstraße die ersten „Dreigeschosser“. Aber nicht, weil die Bauherren sich über die BPO hinwegsetzten. Mit dem Neubau des Bahnhofs für die neuen separaten Vorortgleise Berlin-Erkner um 1900 entstand anstelle des bisherigen Bahnübergangs mit Schranke eine Unterführung. Dafür musste die Bahnhofstraße tiefergelegt werden, so dass die bisherigen Keller der angrenzenden Häuser zum Parterre wurden.
Das ist gut auf dem nebenstehenden Foto der Bahnhofstraße zu erkennen. Die ehemaligen Keller der Häuser auf der rechten Seite sind jetzt die Erdgeschosse. Die beiden Häuser direkt vor dem Bahnkörper hatten jetzt drei Etagen, wahrscheinlich aber keinen Keller mehr. Am linken Bildrand ist noch das erste Postamt von Erkner erkennbar, das 1907 vom Neubau an der Berliner Straße abgelöst wurde.

Auch die schnell folgenden BPO von 1903, 1907 und 1912 änderten an den Baubeschränkungen nicht viel. Ab 1903 konnte die Gemeinde lediglich wählen zwischen dieser Bebauung oder einer mit drei Vollgeschossen für Wohnzwecke, bei der aber Keller und Dachboden dafür nicht genutzt werden durften. Damit ging insbesondere billiger Wohnraum für ärmere Mieter verloren.

Für die Hausbesitzer hatte die Einordnung in die Zone der „landhausmäßigen Bebauung“ aber einen Vorteil: Sie sparten erhebliche Kosten, denn sie mussten ihre Häuser nicht an eine zentrale Kanalisation anschließen. Dieses wurde aber langfristig zum Problem, das Erkner bis in die jüngere Vergangenheit belastete!

Erkners Bevölkerungszahl hat sich zwischen 1885 und dem 1. Weltkrieg trotzdem weit mehr als verdoppelt, von 1517 auf ca. 4200 Einwohner.

Bevölkerungsentwicklung Erkners 1900-1945
Bevölkerungsentwicklung Erkners 1900-1945

Mit dem Kriegsbeginn 1914 kam es zum nahezu vollständigen Stillstand des regulären Wohnungsbaus und zum massiven Einbruch im gesamten Bauwesen, da Ressourcen wie Baumaterialien, Arbeitskräfte und Kapital in die Kriegswirtschaft umgelenkt wurden.

Der kriegsbedingte Stopp führte nach 1918 zu einer massiven Wohnungsnot, die die Weimarer Republik vor große Herausforderungen stellte und langfristige soziale und wirtschaftliche Probleme mit sich brachte.

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