Eingemeindung nach Groß-Berlin?

Unter den vielfältigen Diskussionsthemen in der Gemeindevertretung ragten vor allem die Armenfürsorge sowie Wohnungs- und Schulfragen heraus, aber auch Investitionen in die Infrastruktur, wie für den Sportplatz und das Warmbad, den Straßenbau oder den Neubau der Straßenbrücke u.v.m.

AAE, 29.01.1926
AAE, 29.01.1926

Einer der seltenen Fälle der Zusammenarbeit von KPD und SPD in Erkner trat 1926 ein, als beide Parteien und verschiedene ihnen nahestehende Organisationen in Vorbereitung des Volksbegehrens und des Volksentscheids gegen die „Fürstenabfindung“ im März bzw. Juni gemeinsam in Erkner jeweils Mehrheiten aktivieren konnten. Trotzdem scheiterte der Volksentscheid im Reich.

Die „Frage der Eingemeindung Erkners nach Berlin“ 1926

Mit der Bildung von Groß-Berlin war die Reichshauptstadt 1920 bis vor die Tore Erkners gewachsen. Der Prozess dahin war von jahrelangen Kontroversen begleitet, die auch nach 1920 nicht endeten, jetzt meist mit Bestrebungen nach der Trennung von Berlin.
Bildung von Groß-Berlin 1920

In Erkner kam es 1926 zu mehrmonatigen heftigen Diskussionen und auch Demonstrationen über einen Aufnahmeantrag der Gemeinde nach Groß-Berlin.

Bei einer nichtöffentlichen Aussprache der Gemeindevertreter am 12. Februar 1926 hatte das Ortskartell Erkner des Deutschen Beamtenbundes die „Frage der Eingemeindung Erkners nach Berlin“ aufgeworfen und mit einer Aufzählung zahlreicher Vorteile argumentiert. Innerhalb weniger Tage kam es in Erkner zu vielfältigen Debatten bis hin zu Protest-Versammlungen über das Für und Wider (vergleiche unten die Aufrufe im AAE vom 3. bzw. 15. März).

Kurios war dabei auch dieser Beitrag im AAE am 3. März 1926:

„Vor einigen Tagen tauchte hier eine neue Idee auf, die in näherer und etwas weiterer Umgebung liegenden Orte, wie Woltersdorf, Werlsee, Fichtenau, Klein-Schönebeck usw. gleichfalls einzugemeinden und einen neuen Bezirk, den 21., zu bilden, mit Erkner als Mittelpunkt. (Sitz des Bezirksamtes) Nicht übel! Es wäre interessant, einmal zu erfahren, wie sich diese Ortschaften zu einer eventuellen Eingemeindung stellen würden. …“

Am 4. März wählte die Gemeindevertretung eine „Kommission zur Erledigung der Vorarbeiten für die beantragte Eingemeindung Erkners nach Groß-Berlin“. Nachdem auch andere Interessengruppen Vertreter benannt hatten, wurde diese Kommission lt. AAE vom 20.03.1926 eingesetzt.

AAE, 13.02.1926
AAE, 13.02.1926
AAE, 03.03.1926
AAE, 03.03.1926
AAE, 15.03.1926
AAE, 15.03.1926
AAE, 20.03.1926
AAE, 20.03.1926

In der Gemeindevertretersitzung am 26. August 1926 kam es schließlich zur Abstimmung über den Eingemeindungsantrag (Bericht im AAE, 30.08.1926). Der Antrag wurde mit 12 : 10 Stimmen von den Gemeindevertretern angenommen, aber offenkundig nicht verwirklicht. Kreis, Provinz und Berlin hatten sich gegen die Eingemeindung ausgesprochen.

Weitere Eingemeindungsversuche bis 1945

Im Rahmen der Pläne zur Umgestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ kam es um 1938/39 erneut zu Eingemeindungsversuchen, aber nicht auf Erkner beschränkte – Berlin sollte bis zum Autobahnring erweitert werden:

Berlins „Oberbürgermeister Zörner bestätigt erneut, daß das Hoheitsgebiet der Stadt Berlin sich bis an den Autobahnring ausdehnen werde, wobei Potsdam und Babelsberg als selbständige Gemeinden bestehen bleiben.“ (Deutsche Bauzeitung, 1939, S. 207)

Zu dieser Zeit war einzig der östliche Berliner Ring fertiggestellt und im Dezember 1937 an der Auffahrt Erkner feierlich eröffnet worden. Die anderen Abschnitte waren im Bau oder sogar erst in der Planung.

Goebbels notierte noch am 25. Januar 1944:

„Den Aufbau von Berlin will der Führer ganz großzügig durchführen. Er stellt sich die Sache so vor, daß wir einen großen Teil der Wohnungen in die Peripherie verlagern und die Peripherie vornehmlich durch Untergrundbahnen mit dem Zentrum verbinden. …
Die Peripherie kann in Berlin bis an den Autobahnring vorgetrieben werden. Weiter wollen wir gar nicht gehen, damit Berlin nicht ein Mammut-Stadtgebilde wird. …“ (Fröhlich, 1994, S. 163)

Antrag auf Eingemeindung 1945

Erkners Antrag vom 28.07.1945, (c) BLHA, 203 MdI 909, Bl. 7, Auszug
Erkners Antrag auf
Eingemeindung nach
-Groß-Berlin vom
28.07.1945

Bereits kurz nach Kriegsende stellten vom Mai bis August 1945 mindestens acht an Berlin grenzende Gemeinden Anträge, nach Berlin eingemeindet zu werden, darunter am 28. Juli 1945 auch Erkner! Während die anderen Gemeinden damit argumentierten, dass sie die Versorgung Berlins mit dringend benötigten Nahrungsmitteln stärken könnten – was für Erkner mit seiner geringen landwirtschaftlichen Produktion kaum möglich gewesen wäre –, verweist Erkners Bürgermeister Krägenau in seinem Anschreiben an den Präsidenten der Provinz Brandenburg auf die traditionell enge Beziehung zu Berlin und die Abhängigkeit Erkners von der Versorgung durch Berlin:

„Anliegend überreiche ich eine Eingabe der Gemeinde Erkner an den Herrn Präsidenten der Provinz Brandenburg (in doppelter Ausführung) zur gefl. Kenntnisnahme, mit der Bitte um befürwortende Weitergabe.
Da Erkner stets als Randbezirk mit Lebensmitteln aller Art durch die Stadt Berlin versorgt worden ist, und auch der größte Teil der Einwohnerschaft dort tätig war, kann die Eingemeindung Erkners in den Stadtbezirk Berlin nur dringend befürwortet werden.
Erkner ist ca. 60 % am 8.3.44 durch Fliegerangriff total zerstört worden, sämtliche Industrie z.Zt. lahmgelegt, sodaß vorerst keinerlei Erwerbsmöglichkeit für die ganze Bevölkerung vorhanden ist und nach wie vor, sobald die Verkehrslage gebessert ist, der größte Teil der Bevölkerung sich wieder eine Arbeitsstätte in Berlin suchen wird.
Die Bevölkerung Erkners hat in verkehrstechnischer, postalischer und auch ernährungswirtschaftlicher Hinsicht das größte Interesse an eine Eingliederung zur Stadt Gross-Berlin. …“ (BLHA 203 MdI 909, Bl. 7)

Die zu diesem Schreiben gehörende Eingabe gibt einen bedrückenden Einblick in die Versorgungssituation in Erkner im Sommer 1945.

Der Antrag Erkners wurde – ähnlich wie die der anderen Gemeinden – am 10. August 1945 vom Präsidenten der Provinzialverwaltung Brandenburg ablehnend beschieden:

„Dem Antrage auf Eingliederung der Gemeinde Erkner nach Groß-Berlin kann aus grundsätzlichen Erwägungen nicht entsprochen werden.
Ich habe aber den Herrn Landrat in Bernau ersucht, sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für eine Besserung der dortigen Lebensmittelversorgung einzusetzen. …“

In den Ablehnungsschreiben anderer Gemeinden (z.B. bei Stolpe-Süd) fand sich teilweise auch noch der Hinweis:

„Die Besatzungsbehörden stehen den vielen Eingemeindungsanträgen aus der Umgebung aus Versorgungsgründen streng ablehnend gegenüber“ (Bloß, 2014, S. 116-118)

Damit waren derartige Eingemeindungsversuche von Erkner nach Berlin zwar zunächst gestoppt, aber nicht beendet, wie z. B. das Gesuch einer Privatperson aus Erkner an DDR-Präsident Wilhelm Pieck vom 15. Mai 1951 zeigt. … (vgl.: BLHA 203 MdI 910)

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