Schulen 1933-1945
Die Erringung der Leitung und Meinungshoheit in den Schulen gehörte zu den wichtigen Aufgaben zur Festigung der Macht der NSDAP ab dem 30. Januar 1933. Bereits in den Schulen sollten die Kinder überzeugte Nationalsozialisten werden.
Zunächst setzte eine massive Propagandawelle ein. Der Unterricht wurde unter- oder abgebrochen für den Gemeinschaftsempfang von Hitler-Reden oder anderen als wichtig eingestuften Ereignissen über Großlautsprecher oder bald mit Radiogeräten in den Schulen. Mehrfach gab es schulfrei, wie nach dem Wahlerfolg oder anlässlich der Reichstagseröffnung („Tag von Potsdam“) im März 1933, was bei den meisten Schülern sicher auch für eine positive Stimmung sorgte. Später wurden ebenfalls häufig im Klassenverband „propagandistisch wertvolle“ Filme besucht, wie „Deutschland erwache“ oder „Hitlerjunge Quex“.
Ganz andere Wirkungen hatte für jüdische Schüler – von denen es aber in Erkner nur wenige gab – Ende April das „Gesetz gegen die Überfremdung der deutschen Schulen“. Es reglementierte die Anzahl der Schüler höherer Schulen und Studenten nach dem rassistischen Merkmal einer „nichtarischen“ Abstammung. Ab Mitte November 1938 durften jüdische Schüler keine „deutschen“ Schulen mehr besuchen.
Im Mai 1933 wurden wie in der Gemeindebibliothek auch in der Schulbücherei die Bestände „bereinigt“.
In vielen Fächern wurden bald neue Lehrpläne und Unterrichtsmittel durchgesetzt. Besonders in Geschichte, Erdkunde, Biologie und ähnlichen Fächern wurden als erstes bereits langfristig vorbereitete nationalsozialistische, insbesondere völkische, rassistische und antisemitische Inhalte eingeführt.
Im September 1933 legte ein Erlass des preußischen Kultusministers Vererbungslehre und Rassenkunde verbindlich für den Biologieunterricht – bald Lebenskunde genannt – fest. Wichtiger Bestandteil war dabei der rassistische Antisemitismus. Die Lehrkräfte sollten die Evolution menschlicher Rassen lehren, die sich durch „Selektion und Eliminierung“ entwickelt hätten. Aber auch in allen anderen Fächern sollten diverse Themen entsprechend aufbereitet werden.
Im Protokollbuch der Höheren Schule Erkners findet sich 1934 dazu dieser Eintrag:
„Jede Lehrkraft führt ein Verzeichnis der Themen, die sie in ihren Fächern in Rassenkunde und Erblehre schon behandelt hat (vor allem Deutsch und Geschichte, aber auch in anderen Fächern … sollen diese Themen zum Unterrichtsprinzip gemacht werden). Entsprechende Themen sollen auf der letzten Seite des Klassenbuches vermerkt werden.“
Nach der Gleichschaltung von Gemeindeverwaltung und -vertretung, Parteien und Organisationen wurden im Juni 1933 auch alle Schulkommissionen der Gemeinde neu besetzt. Am 10. Mai hatte sich bereits der traditionsreiche Lehrerverein Erkner dem NS Lehrerbund (NSLB) angeschlossen. „Führer – Religion – Volkstum und Wehr“ fasste der Hauptredner dieser Versammlung das Erziehungsprogramm des NSLB zusammen. Am 12. Mai berichtete dazu der AAE:
„Nach langer klärender Aussprache wurde die bestehende Satzung durch den Reinigungsparagraphen ergänzt, nachdem der Verein Juden, Freimaurer und solche Mitglieder, die für die nationale Regierung untragbar sind, ausschließen muss …“
Besondere Ziele dieser „Reinigung“ wurden Rektor Paul Bork und Lehrer Franz Dames, die nicht nur den Lehrerverein verlassen mussten. Ihre Entfernung aus dem Schuldienst war vom AAE fälschlich schon am 1. Juli gemeldet worden. Aber Anfang August wurden beide beurlaubt und im Oktober 1933 entlassen.
Auch mit den Schulen wurden bald die „Partei und ihre Gliederungen“ – es gab nur noch die der NSDAP – eng verzahnt. Ab Juni 1934 waren alle Schüler, die der Hitlerjugend angehörten, an Samstagen, dem sogenannten „Staatsjugendtag“, vom Schulunterricht befreit und für HJ-Veranstaltungen freigestellt. Nichtorganisierte Schüler mussten aber zur „nationalpolitischen und weltanschaulichen Schulung“ erscheinen. Mit der Einbeziehung aller Schüler ab dem 10. Lebensjahr durch das „Gesetz über die Hitler-Jugend“ vom Dezember 1936 wurde der „Staatsjugendtag“ wieder aufgehoben.
Spätestens Mitte 1933 begann die Militarisierung und Kriegsvorbereitung in den Schulen, zunächst durch „Ausbildung im Luftschutzdienst“. Im Februar 1934 wurde ein „Fliegerhorst des Deutschen Luftsportverbandes“ in Erkner ins Leben gerufen. An seinem Sitz im ehemaligen Bootshaus in der Uferstraße 17 wurden Kinder und Jugendliche über den Flugzeug-Modellbau an die vormilitärische Ausbildung herangeführt. 1942 wurde diese inzwischen zur „Fliegertechnischen Übungsstelle“ gewandelte Einrichtung als „mustergültige Übungsstelle für den fliegertechnischen Nachwuchs“ gelobt. Ähnliche Ziele gab es z.B. beim Wassersport, wie im Kyffhäuser-Heim am Flakensee oder im Motorsport beim NSKK*-Motorsturm in der Königstraße 50 (heute Rudolf-Breitscheid-Straße), die 1939 sogar in „Straße der NSKK“ umbenannt worden sein soll.
* NSKK: NS-Kraftfahrkorps, paramilitärische Unterorganisation der NSDAP
Ende 1935 wurde in Erkner unter Führung des Rektors Hans Grothe eine „Ortsarbeitsgemeinschaft für körperliche Jugenderziehung“ in Erkner gebildet. Grothe war schon Mitte der 1920er Jahre eine der treibenden Kräfte völkischer Verbindungen in Erkner und dann der NSDAP. In der hiesigen SA stieg er bis zum Sturmbannführer (etwa Major) auf.
Die Schüler wurden gern zu diversen Sammelaktionen und Hilfsdiensten herangezogen, wie z.B. Spenden für das Winterhilfswerk oder Altmetall und warme Kleidung. Besonders im Krieg wurde dies immer weiter ausgedehnt. Bereits Mitte der 1930er Jahre wurden verstärkt Maulbeerbäume gepflanzt, wie das in Erkner schon vor über 150 Jahren der Fall war. 1942 konnte dann der AAE vermelden: „Erkners Schüler züchten Seidenraupen“.
Eine „Neuordnung der höheren Schule Erkners“, die der AAE im April 1937 vermeldete, führte zu einiger Aufregung. „Die Theodor-Fontane-Oberschule wird eine Deutsche Oberschule.“ Durch einen Erlass des Reichserziehungsministers sollte das System der höheren Schulen vereinheitlicht werden. „Die neue Schulform heißt Oberschule; daneben gibt es nur noch das Gymnasium, weiter nichts.“
Zum Schuljahresbeginn zu Ostern 1940 wurde in der Volksschule eine andere Zählung eingeführt. Gemeint war aber nicht das Einmaleins, sondern die der Klassen ab 1 aufwärts: „Die Zählung beginnt jetzt mit der untersten Klasse, so daß die Klassenbezeichnung zugleich das Schuljahr angibt.“ Und so wie mitten im Krieg 1915 in Preußen die Sütterlinschrift eingeführt worden war, wurde diese 1941 in den Schulen abgeschafft: „Von jetzt ab: Deutsche Normalschrift“.
Größere Probleme bereitete der Raummangel der Schulen in Erkner! Eigentlich als Provisorium gedacht, wurde 1938 neben dem Hauptgebäude der Fontane-Schule eine Baracke errichtet, die mit „zweiklassiger Schulpavillon“ bezeichnet wurde. Im Mai 1939 legte der Architekt Henry Groß – der auch für Karutzhöhe plante – den Gemeinderäten einen „Vorentwurf für die höhere Schule“ vor. Dieser Neubau konnte nie realisiert werden. Der „Schulpavillon“ wurde zur Dauereinrichtung.
Mitte August 1939 berichtete der AAE, dass die Bahnhofsiedlung einen zweiklassigen Schulbau für Erkner-Nord auf dem Rund wünschte. Wenig später waren mit dem Kriegsbeginn all diese Pläne hinfällig! Aber der Platzmangel blieb. 1942 sprach Bürgermeister Lübkes über die Notwendigkeiten nach dem „Endsieg“:
„Eine voll ausgebaute Oberschule muß geschaffen, die Raumnot in der Volksschule durch Neu- oder Ausbau beseitigt werden.“


Schule, 1934
Mit dem Kriegsbeginn gab es auch an Erkners Schulen wieder diverse Einschränkungen. Besonders die zum Kriegsdienst eingezogen Lehrer rissen Lücken. Sie konnten nur teilweise durch Ruheständler oder frühere Lehrerinnen, die als verheiratete Frauen insbesondere seit 1933 ihren Dienst quittieren mussten, ersetzt werden. Der Mangel war vor allem mit dem immer länger dauernden Krieg und den wachsenden Verlusten so groß, dass sogar auf den 1933 aus politischen Gründen entlassenen Rektor Bork zurückgegriffen werden musste! Zum 26. Juli 1943 wurde er unter Auflagen reaktiviert und als Lehrer an der Fontane-Schule eingesetzt.
Zu dieser Zeit waren auch schon die ersten Schüler direkt vom Krieg eingeholt worden. Ab dem 15. Februar 1943 konnten 15 bis 17 Jahre alte Schüler, zunächst die Jahrgänge 1926 und 1927, einen „Heranziehungsbescheid“ als Luftwaffenhelfer bekommen. Was vielen dieser sehr jungen Männer anfänglich als Abenteuer erschien, wich für die meisten genauso schnell dem Grauen des Krieges, wie für die Erkneraner die Hoffnung, dass dieser kleine Ort verschont bleibt.
Spätestens am 8. März 1944 wurden sie von den Bomben eingeholt! Unter den Opfern waren viele Schüler, da zum Zeitpunkt des Angriffs gerade der Wechsel zwischen den in zwei Schichten unterrichteten Früh- und Spätschülern war. Besonders die Volksschule wurde schwer getroffen, die neben ihr stehende Turnhalle zerstört. In den nächsten Monaten, oft sogar Jahren, konnte nur mit Einschränkungen und Provisorien gelernt werden.





