Explosion in Hohenbinde

24. August 1944

In Hohenbinde bahnte sich die nächste Katastrophe an. Am frühen Morgen des 24. August 1944 erschütterte eine gewaltige Explosion diese Siedlung und die Umgebung. Ein angeblich geheimes Munitionslager, das im ehemaligen Restaurant „Heideschloß“ untergebracht war, flog in die Luft, zerstörte große Teile von Hohenbinde und riss 15 Menschen mit in den Tod. Ob es sich dabei um einen Sabotageakt handelte, ist bis heute nicht geklärt.

Heinz W. Schulz (1933-2016), der ehemalige Chronist Erkners, erinnerte in seinen zahlreichen Artikeln zur Ortsgeschichte auch an diese Katastrophe von 1944:

Schreckensnacht in Hohenbinde

„Trotz seiner Randlage blieb auch der Erkneraner Ortsteil Hohenbinde … von den Schrecken des II. Weltkrieges nicht verschont. 

Hohenbinde, Luftaufnahme, ca. 1935
Hohenbinde,
Luftaufnahme,
ca. 1935

Beim britischen Nachtangriff auf Erkner am 24. Dezember 1943 richteten Brandbomben und Luftminen erhebliche Schäden an. Beim US-Bombardement am 8. März 1944 kamen die Hohenbinder noch glimpflich davon. Hingegen verdichteten sich nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 angesichts des unaufhaltsamen Vordringens der Alliierten immer mehr Gerüchte über ein geheimes Waffen- und Munitionslager in der Nähe. 

Wie Augenzeugen sowie Chronisten der Freiwilligen Feuerwehr Erkner berichten, wurden Hohenbinde und Umgebung am 24. August 1944 gegen 1 Uhr durch eine schwere Explosion erschüttert, der noch mehrere Detonationen folgten und Rettungs- und Löscharbeiten erschwerten. Bei der Katastrophe kamen 15 Menschen um, über 100 wurden verletzt. Zentrum des furchtbaren Geschehens waren die unheimlichen Depots im ‚Heideschloß‘, einem langjährigen Sommerheim des CVJM*, das die Gestapo 1941/42 beschlagnahmt hatte, und im ehemaligen Ausflugsrestaurant ‚Strandschloß‘. 

Bronzetafel auf dem Friedhof Erkner; Zeile 3-7: Gedenken an die Opfer der Explosion in Hohenbinde
Bronzetafel auf dem
Friedhof Erkner

Wie diese Komplexe wurden die Häuser des Försters, der Familie Kiekebusch, des Gastwirts Eckert und weiterer Einwohner völlig zerstört. Waldflächen und Heuschober gerieten in Brand. Die Druckwellen beschädigten außerdem in Neu Zittau, Karutzhöhe und entfernteren Siedlungen viele Dächer und Fenster. 

Seit Juni 2001 erinnern auf dem Erkneraner Friedhof zwei Bronzetafeln an die Menschen, die am 8. März und am 24. August 1944 sowie beim Kriegsende 1945 ums Leben kamen und hier auf dem Gräberfeld beigesetzt wurden.“

Heins W. Schulz
Kümmels Anzeiger, 17/2004, 11.08.2004

Opfer der Explosion in Hohenbinde an 24.08.1944

Diese Übersicht basiert auf den Angaben der Bronzetafel auf dem Friedhof. Sie ist aber leider unvollständig! Es ist zumindest die Anzahl von 15 Toten und über 100 Verletzten der Explosion am 24.08.1944 überliefert, verzeichnet sind aber lediglich acht Namen.

Kiekebusch-Haus Heimdall vor der Zerstörung 1944
Kiekebusch-Haus
Heimdall

Dr. Ingeborg Mertins-Kiekebusch, die Tochter von Prof. Albert Kiekebusch, war in Hohenbinde aufgewachsen und berichtete später über ihre Erinnerungen wenige Tage nach der Explosion (sie hatte zu dieser Zeit in Prag gearbeitet, hatte ihr Elternhaus ca. Mitte August besucht und kehrte etwa eine Woche nach dem Unglück hierher zurück). Sie erwähnt mindestens vier weitere Tote: neben ihrer Mutter das am 8. März in Erkner ausgebombte Ehepaar Stahl und die 18jährige Cousine Sabine aus Wiesbaden, die im Kiekebusch-Haus „Heimdall“ Zuflucht gefunden hatten.

Also muss obige Übersicht mindestens um diese Namen ergänzt werden:

  • Lucie Kiekebusch
  • Ernst Stahl
  • Marga Stahl
  • Sabine Kolshorn

Frau Kiekebusch (Mitte) und Frau und Herr Stahl, 21.05.1944
Fr. Kiekebusch
(Mitte) und Fr.
und Hr. Stahl

Frau Mertins-Kiekebusch berichtete:
„Am 24. August [1944] nachmittags erhielt ich einen Anruf meiner Tante aus Berlin, daß das geliebte Zuhause – offenbar mit meiner Mutter und seinen drei weiteren Bewohnern – sowie das ‚Strandschloß‘ und das ‚Heideschloß‘ durch Sprengung eines Munitionslagers – wohl infolge eines Sabotageaktes – völlig vernichtet worden seien. Trotz mehrfacher Telefonate mit dem Bürgermeister in Erkner gelang es mir erst nach sechs Tagen, die Genehmigung zu erhalten, unser Grundstück zu betreten. Das Gelände ringsum war abgesperrt bis weit in den Wald hinein. Von weitem schon sah ich, daß unser geliebtes Haus Heimdall, das ‚Heideschloß‘ und das ‚Strandschloß ‚ völlig dem Erdboden gleichgemacht waren, nur von dem Forsthaus waren noch Gebäudeteile erhalten. Selbst die alten Bäume von Hohenbinde waren spurlos verschwunden.
Bei meinen ersten Schritten über die etwa 30 cm hohen Trümmer meines Elternhauses spürte ich noch die Hitze des Gesteins.

Um nach Resten der Umgekommenen zu suchen, wurden auf Veranlassung des Bürgermeisters von der Gestapo KZler eingesetzt, die in den nächsten Tagen unsere Trümmer sorgfältig durchsuchten. Außer dem stark mumifizierten, geschrumpften Corpus meiner Cousine konnten meine Mutter sowie das Ehepaar Stahl durch Unterkiefer bzw. Oberkiefer sowie männlichen Unterschenkel identifiziert werden. Alle waren offenbar auf dem Weg in den Keller gewesen, da eine Minute zuvor eine Vorexplosion ganz Hohenbinde um etwa ein Uhr nachts hell erleuchtete.“ (Mertins-Kiekebusch, 1995, S. 17f.)

* CVJM = Christlicher Verein Junger Männer

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