9. November 1938 und „Arisierung“

Seit 1933 waren die Lebensgrundlagen der jüdischen Bevölkerung ständig weiter eingeschränkt worden. Wer konnte, hatte Deutschland verlassen, wie Dr. Hans Lebach, der – etwa zur gleichen Zeit wie Leo H. Baekeland – in Ludwigshafen ein dem Bakelit sehr ähnliches Kunstharz erfunden hatte. 1910 war er einer der ersten Chemiker der gerade gegründeten Bakelite GmbH in Erkner.

Adolf Baumert

Ab 1933 wurden systematisch sein Name und seine Verdienste aus der Fachliteratur getilgt. Nach mehrmonatiger Verschleppung ins KZ Dachau musste er Deutschland Ende September 1938 mit seiner Frau verlassen. Nur mit Unterstützung Baekelands gelang die Flucht in die USA.
Die Lebachs verloren durch ein perfides System von Auflagen durch deutsche Behörden fast ihren gesamten Besitz. Noch nachträglich wurde ihnen 1939 die deutsche Staatsbürgerschaft und Heinrich Lebach 1940 auch sein Doktortitel aberkannt.

Am 9. November 1938 kam es auch in Erkner zu gewalttätigen antisemitischen Übergriffen gegen die wenigen verbliebenen Juden und ihr Eigentum, wie z.B. Felix Walter in Alte Hausstelle. Der AAE titelte am 14. November: „Jetzt wird die Judenfrage endgültig gelöst“.

AAE, 29.12.1938: Bekanntmachung der Enteignung F. Walters
Adolf Baumert

Dazu gehörte auch die sogenannte „Arisierung“, die Enteignung jüdischen Besitzes, wie Unternehmen, Geschäfte, Haus- und Grundeigentum sowie Vermögen. Deutlich wird dies am Beispiel von Felix Walter, der wahrscheinlich nur überlebte, da seine Ehefrau keine Jüdin war und sich auch trotz aller Zwänge nicht von ihm trennte. Er starb allerdings Ende 1945.

Unmittelbar nach dem Pogrom vom November 1938 wurde er in mehreren Schritten enteignet. Zunächst wurde das noch etwas mit Bedürfnissen von „Heim Gottesschutz“ verschleiert. Am 11. Februar 1939 vermeldete das „Amtsblatt der Preußischen Regierung in Potsdam“:

„Enteignung. Zur Vergrößerung der Anlagen des Mädchenheimes in Erkner ist die Enteignung der nachstehend bezeichneten Grundflächen des Gemeindebezirkes Erkner erforderlich: … Eigentümer: Gutsbesitzer Felix Walter in Erkner. …“

Aber auch die Gemeinde Erkner beteiligte sich an dieser Ausplünderung. Im Protokollbuch der Gemeinderatssitzung findet sich unter dem 9. Juni 1940 der Eintrag:

Niederschriftenbuch der Gemeinderäte, 08.07.1940: Enteignung Felix Walter, Auszug
Niederschriftenbuch
der Gemeinderäte,
08.07.1940

„Der Bm. [Bürgermeister] gibt den Stand der Enteignungsverhandlungen über den Grundbesitz des Juden Walter bekannt. Hiernach soll ihm das Gehöft vorläufig verbleiben, während die Ländereien zweckmäßig verkauft werden sollen. Der Bm. verliest auszugsweise die Niederschrift über die unter dem Vorsitz des Vertreters des Oberpräsidenten hier am 24.5.1940 stattgefundenen Besprechung, wonach den größten Teil der Ländereien die Gemeinde Erkner zur Abrundung ihres Grundbesitzes am Karutzsee und zum Weiterverkauf für entsprechende Bewerber erwerben will. Genaue Angaben über die Flächen und den Kaufpreis können noch nicht gemacht werden.
Die Gemeinderäte billigen grundsätzlich den beabsichtigten Erwerb.“

Wenn dabei von Verhandlungen gesprochen wurde, ging es nicht um solche mit der Familie Walter, sondern ausschließlich um die Verteilung der „Beute“! – Und über die Ortspresse wurden die Erkneraner darüber auf dem Laufenden gehalten!

Felix Walter überlebte trotz aller Repressalien die NS-Diktatur, wahrscheinlich weil seine Ehefrau Minna, eine sogenannte Arierin, ihn unterstützte und sich nicht von ihm trennte, obwohl dies auch für sie mit zahlreichen Schikanen verbunden war. Felix Walter starb allerdings im Dezember 1945!

Zurück zur Themenseite