Anhaltende Konflikte

Märzkämpfe 1919 in Berlin

Seit Monaten befand sich Deutschland nicht nur in einer massiven Umbruchsituation, sondern in vielen Teilen im bürgerkriegsartigen Zustand. Die wirtschaftliche Not, Unzufriedenheit über die fehlende Umsetzung revolutionärer Forderungen und den Ausgang der von Befürwortern des Rätesystems ohnehin abgelehnten Wahlen führten auch im Berliner Raum erneut zu verschärften Konflikten.

Märzkämpfe 1919 in Berlin, (c) Bundesarchiv
Märzkämpfe 1919
in Berlin

Gegen einen ab dem 3. März 1919 organisierten Generalstreik wurde der Belagerungszustand für „Groß-Berlin“ (inkl. der Nachbarkreise Teltow und Niederbarnim mit Erkner) ausgerufen und Militär eingesetzt.
Gerüchte über angebliche Massenmorde durch Spartakisten in Lichtenberg dienten als Begründung für den Schießbefehl, den der gerade ernannte sozialdemokratische Reichswehrminister Noske am 10. März unterzeichnete. Er ließ den eingesetzten Truppen freie Hand, obwohl sich die Gräuelmeldungen schon nach kurzer Zeit als reine Erfindungen erwiesen. Erst am 16. März 1919 hob Noske den Schießbefehl endlich wieder auf und vermeldete:

„In Berlin hat eine Woche lang eine Schlacht mit allen ihren Schrecken getobt. Ich kann mitteilen, dass der Aufstand niedergeschlagen ist. Nur eine Säuberungsaktion ist in einigen Vororten noch vorzunehmen.“

Zu diesen Vororten gehörten vor allem die im östlichen Umland, wie die damals noch eigenständige Stadt Lichtenberg. Ob dabei auch Erkner direkt einbezogen war, kann heute nicht mehr belegt werden, ist aber durchaus wahrscheinlich. Zumindest gab es Erkneraner, die davon betroffen waren. So meldete die Friedrichshagener Niederbarnimer Zeitung am 18. März 1919:

„Opfer der Berliner Straßenkämpfe. Der Sohn des Gemeindevertreters Zernicke in Erkner geriet, als er sich aus dem Berliner Geschäft nach Hause begeben wollte, in eine Schießerei und wurde in einem Torweg, wohin er sich mit anderen Leuten geflüchtet hatte, von Granatsplittern am Kopf getroffen, so daß er tot umfiel.“

Die gleiche Zeitung hatte bereits am 7. März über in Friedrichshagen „einquartierte“ Truppen gemeldet:

„Entwaffnung von Regierungstruppen. Gestern abend haben nach längeren Verhandlungen mit dem Arbeiterrat die hier stationierten Regierungstruppen ihre Waffen abgegeben. Es wurde ihnen zur Bedingung gemacht, unseren Ort zu verlassen, und zwar sollen sie freies Geleit bis nach Fürstenwalde erhalten. Vom Arbeiterrat wurde das Versprechen gegeben, beim Abzug den Truppen die Waffen wieder auszuhändigen.“

Ein ähnlicher Entwaffnungsversuch, der jedoch scheiterte, wurde am 11. März 1919 auch aus Rahnsdorf berichtet. Aus weiteren Meldungen ergibt sich z.B., dass in Friedrichshagen Maschinengewehrgruppen auf Straßen postiert waren und der Bahnhof militärisch besetzt wurde.

Da Erkner ebenfalls an diesen Ausfallstrecken ins Umland lag, kann Ähnliches auch hier angenommen werden.

Im Abstand von 20 Jahren berichtete der AAE von einer Einquartierung in Erkner im Sommer 1919:

„Am Sonntag, 6. Juli 1919, zog mit klingendem Spiel ein Teil des Korps v. Lützow* als Einquartierung in den Ort ein. Wie es in dem damaligen Bericht heißt, ‚in strammem Schritt und Tritt‘. Die Truppe wurde teils in der Schule und teils in Bürgerquartieren untergebracht. Am nächsten Sonnabend, den 12. Juli, gab sie abends ein Militärkonzert im ‚Klosterhof‘, das war seit Jahren das erste Militärkonzert im Ort. …“ (AAE, 06.07.1939)

Telegramm vom 30.08.1919, (c) BLHA, 2 A II N 603, o.P.
Telegramm vom
30.08.1919

Am 30. August 1919 beschwerte sich Gemeindevorsteher Lübkes mit einem Telegramm bei der Regierung in Potsdam über die anhaltende Truppenbelegung in der Schule:

„volksschule in erkner seit ende juni mit soldaten belegt kinder haben seit 2. august keinen unterricht bitte um sofortige abhilfe
gemeindevorsteher“

Etwa Mitte September wurde die Räumung gemeldet.

* Das Freikorps Lützow war ein rechtsgerichteter paramilitärischer Verband. Es existierte von Januar 1919 bis April 1920, bestand hauptsächlich aus ehemaligen Soldaten des Ersten Weltkriegs und wurde nach der Novemberrevolution in Deutschland eingesetzt, um revolutionäre Unruhen zu bekämpfen. Im Jahr 1919 war es an den Märzkämpfen in Berlin sowie im Frühjahr an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt.

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