1923: Die Lage eskaliert …

AAE, 31.01.1923
AAE, 31.01.1923

Der Januar 1923 brachte eine Eskalation der instabilen wirtschaftlichen und politischen Gesamtlage in Deutschland: die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen, passiver Widerstand in diesen Gebieten, starker Rückgang der Kohlebelieferung in Deutschland im Ergebnis direkter Weiterleitung von Ruhrkohle nach Frankreich und Belgien, „Notopfer-Spenden“ für das Ruhrgebiet, politische Unruhen in allen Teilen Deutschlands. Das war mit weiteren Entbehrungen auch für die Bevölkerung Erkners verbunden. Amts- und Gemeindevorsteher Lübkes rief zu „Volksopfer-Spenden“ auf, auch aus der Gemeindekasse.[1]

Der aktive aber auch der „passive“ Widerstand gegen die Ruhrbesetzung verlief blutig und forderte 1923 und 1924 137 Tote.[2]

… und bedarf der Abwechslung

AAE, 04.01.1923
AAE, 04.01.1923

Die Lichtspiele Erkner, Friedrichstraße 69/70, zeigten ab Januar 1923 den Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“.[3] Die Zuschauer drängelten sich um die Plätze im Kino, trotz ihrer schwierigen Lage und des so schauerlichen Filmtitels, der in die Zeit passte.

Gewaltexport nach Erkner

Für die Landwirte Erkners und Umgebung wurde die Situation noch problematischer durch die tagelangen Regenfälle im Januar, in deren Ergebnis das gesamte Spreetal überschwemmt war.[4]

Ab 30. Januar 1923 wurde aufgrund der dramatischen Lage in Preußen und ganz Deutschland vom Potsdamer Regierungsoberpräsidenten die Polizeistunde auf 23.00 Uhr festgelegt und Tanzveranstaltungen untersagt.[5]

Auch in Erkner eskalierte die politische Lage. Anlässlich des 50-jährigen Gründungs-Jubiläums des „Landwehr-Krieger-Vereins“ Erkner im März 1923 gab es einen Überfall „auswärtiger kommunistischer Gruppen und Raubgesindel“[6] auf die Teilnehmer der Jubiläumsfeierlichkeiten und Erkneraner Bürger in den Straßen der Gemeinde, hauptsächlich vor der Kirche. Im Ergebnis dieses für Erkner politisch einschneidenden Vorkommnisses traten die elf gewählten bürgerlichen Abgeordneten der Gemeindevertretung Erkner von ihren Ämtern zurück.[7] Der Zustand der Halbierung der Abgeordnetenzahl in Erkner dauerte bis zur nächsten regulären Kommunalwahl im Mai 1924 an. Allerdings war die Gemeindevertretung, zwar denkbar knapp, aber immerhin beschlussfähig.

Vergleiche dazu: Zusammenstöße in Erkner

AAE, 31.07.1923
AAE, 31.07.1923

Zum 1. August 1923 wurde von der preußischen Regierung wegen unmittelbarer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ein Verbot „aller Versammlungen unter freiem Himmel einschl. aller Umzüge“ verhängt, das auch für Erkner galt.[8]

Wie soll das nur weitergehen?

Für die Berufspendler und die Wochenendausflügler brachte die sinnflutartige Geldentwertung massive Fahrpreiserhöhungen mit sich: Kostete ein Einzelfahrschein von Erkner zum Alexanderplatz in Berlin im März 1923 für die 3. Klasse 200 Mark, mussten Ende Juni 1923 1.200 Mark bezahlt werden und am 10. Juli 2.400 Mark.[9] Ungeachtet dessen wurden am Sonntag, dem 9. Juli 1923 etwa 100.000 Reisende auf dem Bahnhof Erkner gezählt![10] Die Fahrkartenausgabe Erkner machte an diesem Tag einen Umsatz von 40 Millionen Mark.[11] Die Ausflügler strömten unvermindert in die Gegend um Erkner.

Beginnend ab August 1923 sahen sich die Rütgerswerke AG und die Bakelite GmbH wegen Geldmangels nicht mehr in der Lage, ihren Beschäftigten Lohn und Gehalt bar auszuzahlen.[12] Vielmehr wurden den Beschäftigten Gutscheine ausgegeben. Die Geschäfte in Erkner wurden gebeten, die Gutscheine anzunehmen. Beide Unternehmen gaben das Versprechen ab, die Gutscheine gegen Geld auszugleichen, sobald es wieder verfügbar sei.[13]

Rütgershäuser in der Berliner Straße
Rütgershäuser,
Berliner Straße

Das Baugeschehen in Erkner erlebte am 1. September 1923 trotz Inflation einen Höhepunkt:

In der Berliner Straße wurden „stolze Bauten der Bakelite GmbH und der Rütgerswerke AG für ihre Beamten und Angestellten … auf einer sanften Höhe über dem Dämeritzsee fertig gestellt“.[14]

Um kochen zu können und Wasser zu konsumieren, mussten die neuen Mieter allerdings 9 Millionen Mark für einen Kubikmeter Gas und 9 Millionen Mark für einen Kubikmeter Wasser aus dem Wasserwerk Erkner zahlen.[15]

Allerorten kam es ab September 1923 zu Hungerunruhen in Deutschland. In Berlin und Potsdam kam es verstärkt zu Plünderungen von Bäckereien und Fleischereien.[16]

Anfang November 1923 stellten die Krankenkassen des Kreises Niederbarnim, damit auch in Erkner, ihre Leistungen ein.[17] Ohne angemessene Finanzierung stand damit die medizinische Versorgung breiter Bevölkerungskreise im Spätherbst 1923 vor dem Zusammenbruch.

Ende Oktober 1923 gab es blutige, von Kommunisten initiierten, politischen Unruhen in Hamburg, die mehr als 30 Todesopfer forderten. Zur gleichen Zeit fanden auch in Sachsen und Thüringen Kämpfe zwischen den „Proletarischen Hundertschaften“ und der Reichswehr statt. Am 25.10.1923 wurde in beiden Ländern der militärische Ausnahmezustand ausgerufen.

Am 29. September 1923 verhängte der Reichspräsident den Ausnahmezustand über das gesamte Deutsche Reich, der insbesondere die persönlichen Freiheiten und die Pressenfreiheit einschränkte.

In Bayern erfolgte dann am 8. November 1923 ein nationalsozialistischer Putsch Ludendorffs und Hitlers.

Deutschland stand am Rand bürgerkriegsähnlicher Zustände.

Entwicklung der Brotpreise in Erkner

[1] AAE, u.a. 31.01.1923
[2] Jeanesson 1998, S. 64
[3] AAE, u.a. 04.01.1923
[4] Ebd.
[5] AAE, u.a. 28.01.1923
[6] AAE, u.a. 07.03.1923
[7] AAE, u.a. 16.03.1923
[8] AAE, 31.07.1923
[9] Vgl. Tabelle 7
[10] AAE, 12.07.1923
[11] Ebd.
[12] AAE, 31.07.1923
[13] Ebd.
[14] AAE, 04.09.1923
[15] Vgl. Tab. 3
[16] AAE, 02.10.1923 und 16.10.1923
[17] Ebd.

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