So ging’s los
Verglichen mit dem Frühjahr 1920 hatten sich die Lebenshaltungskosten auch in Erkner innerhalb von nur zwei Jahren etwa verdoppelt.[1] Die Arbeitslosigkeit in Deutschland war Anfang 1922 noch niedrig und betrug nur 0,9% der in Arbeiterfachverbänden organisierten Beschäftigten.[2] Jedoch stiegen die Preise, insbesondere für Nahrungsmittel, deutlich schneller als Löhne und Gehälter.[3] Zu allem Übel zeigte sich, dass Lebensmittel immer knapper wurden.
Für das neue Schuljahr 1922/23 (Beginn am 1. April 1922) musste in Erkner Schulgeld in Höhe von 660,00 Mark/Jahr[4] gezahlt werden, der Herrenanzug war bei „Prawitz“ für 1.300,00-2.400 Mark[5] zu haben, das 1,9 kg Markenbrot kostete in den Bäckerläden 12,00 Mark[6] und die Chemiefacharbeiter der Rütgerswerke verdienten durchschnittlich 961,00 Mark pro Monat.[7] Das Leben war zwar spürbar teurer geworden, aber die etwa 5.700 Einwohner Erkners schienen noch „über die Runden zu kommen.“
Entwicklung der Brotpreise in Erkner
Berliner müssen raus nach Erkner…
Erkner und Umgebung waren ein beliebtes Ausflugsgebiet.
Besucher, v. a. aus Berlin, brachten ja auch Geld mit und trugen auf diese Weise dazu bei, Erkneraner Wirte, Vermieter und den Handel sowie deren Beschäftigte, wirtschaftlich zu unterstützen.
So wurden beispielsweise am Himmelfahrtstag 1922 bereits am frühen Vormittag 35.206 Fahrkarten von Ausflüglern an den Kontrollhäuschen des Bahnhofs Erkner abgegeben.[8] Jeweils 6 vollbesetzte Züge erreichten Erkner pro Stunde. Am späten Abend des Himmelfahrtstages hatte der Vorsteher des Bahnhofs Erkner ca. 60.000 Fahrscheine von Fahrgästen erfasst, die von unserem Bahnhof die Heimreise nach Berlin angetreten hatten.[9]
Der Sommer nahte. Für die Gemeindebadeanstalt Erkner, im Vorjahr 1921 erst erneuert und gut ausgebaut, kostete die Erwachsenen-Tageskarte 1,00 Mark und für Kinder waren 0,50 Mark zu zahlen.[10] „Am 7. Juli 1922 passierten 2.000 Badegäste die Kassen der Gemeindebadeanstalt, um sich am Dämeritzsee zu erholen und die schönen und praktischen Schwimmeinrichtungen“[11] zu nutzen.
Großes Kino
Im August 1922 zeigten die „Lichtspiele Erkner“ den Film „Fürst der Berge“ mit Harry Piel.[12] Der „Kassenrenner“ auch in Erkner. Es war schließlich der größte zweiteilige Abendfilm, der damals in Deutschland lief. Die Gaststätten in Erkner waren ebenso gut gefüllt, trotz Verdopplung der Bierpreise von Mai bis August 1922.[13] Es wurden nicht nur handfeste Speisen und Getränke geboten. An Wochenenden gab’s gratis Zugaben: Tanz-Reunions und Kabarett-Abende oder Boxturniere und Konzerte. So lud z.B. der Erkneraner Sparverein „Klamme Brüder“ Mitte August 1922 zu einer „Großen Italienischen Nacht“ ein. Es gab komische Vorträge, die Prämierung der Dame mit dem kleinsten Fuß und natürlich Musik und Tanz.[14] So waren die Wochenenden für Erkneraner und Ausflügler aus Berlin kurzweilig. Man amüsierte sich. Trotz oder gerade wegen aller wirtschaftlicher Sorgen und Probleme.
[1] Statistisches Reichsamt 1925, S. 5
[2] Statistisches Jahrbuch 1925, S. 296
[3] Statistisches Reichsamt 1925, S. 5
[4] AAE, 22.04.1922
[5] AAE, 09.04.1922
[6] AAE, 05.04.1922
[7] Statistisches Reichsamt 1925, S. 42, sowie Tab. 5 u. 6
[8] AAE, 27.05.1922
[9] Ebd.
[10] AAE, 20.05.1922
[11] AAE, 14.07.1922
[12] AAE, 11.08.1922
[13] AAE, 21.07.1922
[14] AAE, 11.08.1922


