„Wehrhaftmachung“
Nicht erst mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 spielte die „Wehrhaftmachung“ eine besondere Bedeutung in allen Lebensbereichen, wirtschaftlich speziell durch weitgehende Autarkie und massive Aufrüstung.
Dabei kam den chemischen Großbetrieben Erkners, Rütgerswerke und Bakelite, durch die Lieferung von Ersatzstoffen eine wichtige Rolle zu. Bereits in den 1920er Jahren hatten sie potenzielle Erweiterungsflächen an der Berliner Straße und nördlich des Teerwerks am Flakenfließ erworben. Mit den staatlichen Rüstungsinvestitionen wurde deren Ausbau angekurbelt. Der vorgesehene Neubau der Teerdestillationsanlagen – 1940 war dafür u.a. der Abriss des Kyffhäuser-Geländes (heute Flakenseesiedlung) geplant – konnte jedoch mit dem Kriegsbeginn nicht realisiert werden.
Die Bakelite Gesellschaft, der ihr Werk I in der Flakenstraße schon längst zu klein und verkehrsungünstig gelegen war, weshalb sie das Gelände in der Berliner Straße bisher als Lager- und Bahnumschlagplatz nutzte, errichtete dort ab 1936-38 ihr modernes Werk II mit erheblich größerer Produktionskapazität.
Ab Anfang der 1930er Jahre musste sich die Bakelite GmbH aber auch verstärkt neuer Konkurrenz erwehren. Ihre Monopolstellung für Deutschland endete allmählich mit dem Auslaufen der Patente. So wurde intensiv an moderneren und effektiveren Produkten und Methoden gearbeitet. Besonders mit den hohen Qualitätsstandards, den vielen Einsatzmöglichkeiten („Stoff der 1000 Möglichkeiten“) und der „rein deutschen Produktion“ wurde jetzt massiv geworben.
Zu den Marketingmaßnahmen gehörte auch dieser bei der UFA in Auftrag gegebene Informations- und Werbefilm, der ca. ab 1935/36 zur Verfügung stand.
Bakelite-Film, ca. 1935/36, bei YouTube
VKF Kugellagerfabrik Erkner
Fast gleichzeitig mit diesem Bakelite Werk II siedelte sich auf dem Nachbargelände an der Berliner Straße ein völlig neuer Industriezweig in Erkner an: die Kugellagerfabrik. Dieses für 2000 Beschäftigte geplante Werk sollte alle anderen überflügeln – aber vor allem der Hauptgrund für die Zerstörung Erkners am 8. März 1944 wurde. 1936/37 erwarben die Vereinigten Kugellager-Fabriken AG (VKF) aus Schweinfurt dieses Gelände an der Berliner Stadtgrenze und der Eisenbahn. Bis kurz vor Kriegsbeginn errichteten sie hier das modernste Kugellagerwerk Deutschlands.
In einem als „Streng vertraulich!“ gekennzeichneten und nur „Durch Boten!“ zu überbringenden Schreiben der Kugellager-Direktion an die Reichsstelle für Raumordnung vom 16. Oktober 1936 werden die Ziele sehr deutlich:
„Mit Rücksicht darauf, dass wir das neue Werk aus eigenen Mitteln, ohne Garantieübernahme durch eine Reichsstelle, auf Wunsch und in erster Linie im Interesse der Wehrmacht bauen, unser eigenes Gelände in Weißensee jedoch, auf dem bis vor wenigen Jahren eine uns gehörende Kugellagerfabrik im Betrieb war, auf Veranlassung des Reichsluftfahrtministeriums nicht benutzen können, hat die Wehrmacht uns zugestanden, dass wir das neue Werk im Raum östlich von Berlin – begrenzt durch Erkner und Bernau – in Höhe der Endstationen der elektrischen Vorortbahn errichten dürfen. Wir haben den bekannten Platz in Erkner als für unsere Zwecke besonders geeignet gefunden und beabsichtigen, das Werk dort zu errichten. …“ (BLHA, 2A III F 14558)
Der Aufbau dieses neuen Werkes erfolgte durch eine Firma „Riedel Bau“ aus Schweinfurt, die hier eigens eine Filiale gründete und 1938 mit 161 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern in Erkner gehörte. In ihrer Firmenchronik schreibt das Unternehmen 2009:
„1937 erhielt Riedel den Zuschlag für den Bau eines VKF-Zweigwerkes in Erkner bei Berlin. Die Abwicklung des bis dahin größten Einzelauftrages in der Geschichte des Schweinfurter Bauunternehmens mit einem Umfang von mehr als 2,5 Millionen Reichsmark erforderte die Errichtung einer eigenen Niederlassung in Erkner. Johann Riedels ältester Sohn Heinrich zeichnete als Ingenieur für die gesamte Planung und statische Berechnung der Fabrikbauten verantwortlich und leitete die Berliner Großbaustelle bis zur Fertigstellung des Kugellagerwerkes im Jahre 1940. …“ (Riedel 2009, S. 31)
Auch nach der Fertigstellung blieb die Firma Riedel in Erkner „Der Filialbetrieb in Erkner übernahm … den Bau von Schutzbunkern in Berlin-Treptow und Berlin-Adlershof. …“ (Riedel 2009, S. 37)
Eine besondere Herausforderung für diese Ansiedlung war der Bedarf an Arbeitskräften, da die Metallindustrie bisher in Erkner kaum vertreten war. Vor allem spezialisierte Facharbeiter, Meister und Ingenieure wurden aus dem Mutterwerk in Schweinfurt, oft mit ihren Familien, hier angesiedelt.
Bei der Absicherung dieser industriellen Neubauten kamen auf die Gemeinde wichtige Aufgaben zu, wie die Erstellung von Bebauungsplänen, der Ausbau der Infrastruktur oder die Absicherung des Arbeitskräftebedarfs.
Der Autobahnanschluss ab 1937 war für die neue Industrieansiedlung ein wichtiger Grund. Aber eigentlich waren die Straßen Erkners gar nicht für den folgenden Durchgangsverkehr geeignet! Daher wurde den gesamten Sommer 1938 der Verkehr im Ortszentrum auf den Kopf gestellt, als die Durchgangsstraßen, insbesondere die Friedrichstraße, stark verbreitert und neu gepflastert wurden. Dem fielen fast alle Straßenbäume und die Vorgärten zum Opfer.
Neue Wohnbauflächen mussten erschlossen werden, mit Einrichtungen für Versorgung, Bildung usw., wie die Siedlungen der Gewoba in Neuseeland oder Karutzhöhe II. Es wurden dafür aber auch bisherige Prestigeobjekte aufgegeben, wie eine geplante „Kinderreichen-Siedlung“ auf dem Gelände, das dann die Kugellagerfabrik erwarb.
Eine ganz andere Dimension hätte ein Plan „Erkner Süd“ zur Folge gehabt, den Bürgermeister Lübkes im Mai 1939 verkündete: Eine Bebauung von Karutzhöhe bis Hohenbinde, mit Folgeeinrichtungen und eigenem Bahnhof, für ca. 8.000 Einwohner – also ein „zweites Erkner“.


