Krisenmanagement in Erkner
Bürgerschaftlichkeit statt Blutvergießen
Beginnend ab 10. Oktober 1923 wurde ein Schulspeisefonds für die Gemeindeschule in Erkner eingerichtet, der aus Spenden finanziert wurde.[1] Ab 11. Oktober 1923 konnten zunächst 30 Kinder versorgt, ab 15. Oktober 1923 dann 60 Kinder.[2]
Auch in Erkner gab es Aufzüge vor Lebensmittelgeschäften. Herr Lemke, Bäckermeister in Erkner, wurde bedroht, er stünde auf einer schwarzen Liste und solle kostenlos Brot abgeben.[3]
Währenddessen lief in dem im Mai neu eröffneten Kino „Union-Theater“ Erkner, Friedrichstraße 75/76, der Film „Die blaue Laterne“ mit Henny Porten und Charlie Chaplin als Polizist mit großem Erfolg.[4] Oder das Publikum ließ sich im Kino „Lichtspiele“ Erkner vom „Tropenblut“ mit Harry Liedtke von den Sorgen des Alltags ablenken.
Ende Oktober 1923 erwiesen sich Gemeindevorsteher Lübkes und die verbliebenen sozialdemokratischen Abgeordneten Erkners als umsichtige Krisenmanager.
Am 24. Oktober 1923 gab es eine Sonderberatung von Lübkes mit dem Vertreter der Erwerbslosen Erkners, Herrn Krüger, Gemeindevertretern und Kaufleuten. Im Ergebnis wurde vereinbart:
- Erwerbslose sichern zu, dass sie wie bisher keine Plünderungen in Erkner vornehmen
- Es solle keine politische Rebellion in Erkner geben, wenn die Kaufleute die regelrechte Versorgung der Gesamtbevölkerung mit Lebensmitteln sicherstellen
- Polizeieinsatz erfolge nur gezwungenermaßen
- Bei Übergriffen Einzelner sichert Lübkes Ausgleich durch die Gemeindekasse zu
- Die Gemeinde wird Gutscheine an die Bevölkerung ausgeben, die darauf ausgegebenen Waren zahlt die Gemeindekasse
- Die Erwerbslosen distanzieren sich von arbeitsscheuem Gesindel, das in Erkner provoziert
- Die Gemeinde wird sofort einen Ausschuss zur Vorbereitung einer „Volksküche“ oder „Volksspeiseanstalt“ für bedürftige Einwohner Erkners bilden
- Die Gemeinde tat ihrerseits durch Spenden bislang sehr viel zur Beruhigung der Lage, das werde auch fortgesetzt[5]
Am 5. November 1923 sollte die „Volksspeiseanstalt Erkner“ ihren Betrieb eröffnen, auf dem Grundstück der Frau Rintisch[6] (heute Grundstück mit Gerhart-Hauptmann-Museum). Mit etwa 450 Personen zur Speisung, etwa einem Zehntel der damaligen Bevölkerung Erkners, wurde gerechnet.[7] Eine Portion wurde mit 0,75 l geplant, für 0,50 Mrd. Mark. Das entsprach 50% des Einkaufspreises.[8] Die anderen 50% würden aus Spendenmitteln finanziert. Erbsen, Reis, Nudeln, Graupen, Kohlrüben und Kartoffeln waren als Speisen vorgesehen. Die Portionen hätten auch mit nach Hause genommen werden können, um sie dort zu verbessern.
Der Eröffnungstermin der Volksspeiseanstalt konnte nicht eingehalten werden. Die Klärung der endgültigen Standortfrage (der Raum bei Frau Rintisch war zu klein) nahm noch zwei Monate in Anspruch.
Durch Berlin bewegten sich täglich organisierte Plünderzüge von Menschen, die es v.a. auf Lebensmittel und Konfektion abgesehen hatten.[9]
In Erkner gab es tatsächlich keine Plünderungen von Geschäften und auch keine blutigen Unruhen. Großen Verdienst daran hatten insbesondere die damaligen politischen Verantwortungsträger und die demokratischen, zivilgesellschaftlichen Kräfte Erkners.
Entwicklung der Brotpreise in Erkner
[1] AAE, 11.10.1923
[2] Ebd.
[3] AAE, 24.10.1923
[4] AAE, 02.10.1923
[5] AAE, 25.10.1923
[6] AAE, 01.11.1923
[7] Ebd.
[8] Ebd.
[9] AAE, 08.11.1923
