Der 8. März 1944
Eigentlich schien dieser Mittwoch ein freundlicher Tag zu werden. Nach einer langen Frostperiode seit Anfang Februar kletterte in Erkner das Thermometer an diesem 8. März 1944 auf 8° C. Die dünne Schneedecke des trüben Vortags hatte keine Chance. Der Himmel brach auf und erstrahlte im herrlichsten Blau. Über 8 Stunden sollte die Sonne einen ersten Vorgeschmack auf den Frühling geben. – Sollte …
Noch am Mittag ahnte niemand in Erkner etwas von dem bevorstehenden Grauen. Selbst nicht, als um 13:23 Uhr die Sirenen heulten. Es war bereits der 182. Fliegeralarm im Berliner Raum – und bisher war hier kaum etwas passiert. Die Erkneraner konnten nicht ahnen, dass sie bereits dreimal ihrem Schicksal entkommen waren!
Erkners Untergang
Von 30 verschiedenen Flugplätzen in Ostengland starteten etwa zwischen 8:30 und 9:30 Uhr 414 Bomber B-17 und 209 B-24. Jeder dieser 623 Bomber hatte 10-11 Mann Besatzung, etwa 2 t Bomben und mehrere 10.000 Schuss Munition an Bord. Vor ihnen lag einer ihrer bisher am weitesten führenden Tagesangriffe, geflogen vor allem über feindlichem Territorium, um dann auf die stark verteidigte Hauptstadt des Gegners zu treffen. Geleitschutz gaben 891 Jagdflugzeuge, darunter 174 der neuesten Jäger P-51 „Mustang“, die die Bomber bis in unseren Luftraum verteidigen konnten – eine wesentliche Voraussetzung für den Beginn der Tagesangriffe auf Berlin.
Gegen 14:00 Uhr näherte sich diese Armada Berlin. Um 13:23 Uhr war im Großraum Berlin Fliegeralarm ausgelöst worden. Auch in Erkner heulten die Sirenen, lt. Bericht der Feuerwehr um 13:45 Uhr. Viele eilten in – vermeintlich sichere – Schutzräume, wie Bunker, Keller, Splittergräben. Bald konnte man am klaren Himmel die Kondensstreifen der Bomber sehen, die im weiten Bogen Berlin südlich zu umfliegen schienen, um kurz hinter der Oder zu wenden.
Doch schon während sich die zweite der drei Staffeln weit oben abzeichnete, setzte plötzlich von Nordosten her unter ohrenbetäubendem Lärm die erste Angriffswelle auf Erkner ein. Zunächst markierten gegen 14:30 Uhr sogenannte „Christbäume“ (Leuchtbomben) das Zielgebiet. Die Bahnhofssiedlung lag genau in der Angriffsrichtung gegen die VKF Kugellagerfabrik. Dort und in der Berliner Straße fielen die ersten Bomben auf Wohnhäuser und Werksanlagen. Das Wasserwerk war eines der ersten Opfer, so dass die Löschwasserversorgung sofort zusammenbrach.
In drei Wellen schütteten 470 Bomber (von 623 gestarteten) 300,4 t Spreng- und 690 t Brandbomben über Erkner aus. Besonders die Explosionen mehrerer Tanks im Teerwerk und die Brände vieler Häuser hüllten den Norden Erkners schnell in dichte schwarze Rauchwolken.
Der Tag wurde zur Nacht! Auf den Angriffsfotos der Bomber erkennbar wehte der Wind von Nordost und trug diese Wolken über die Ortsmitte. Die nachfolgenden Bomber konnten das eigentliche Ziel – die Kugellagerfabrik – nicht mehr lokalisieren und trafen jetzt eher das Ortszentrum! Eine Besatzung berichtete:
„Als wir das Ziel erreichten, war es komplett in Rauch und Feuer gehüllt, so dass wir unsere Bomben in deren Mitte fallen ließen.“ (303rd BG Report)
Weitere 67 Bomber griffen deshalb Ausweichziele in Wildau und Berlin an.
Nach etwa 30 Minuten war der Angriff vorbei – doch das Inferno blieb! Vor allem der Norden und das Zentrum Erkners lagen in Schutt und Asche. Trotz des Einsatzes vieler Bewohner und der Feuerwehren der ganzen Region bis Fürstenwalde und Köpenick waren erst am 10. März alle Feuer gelöscht. Hunderte Tote mussten geborgen und Verletzte versorgt werden. Noch tagelang wurde nach Verschütteten gesucht. Nicht nur für sie wurde es ein Kampf ums Überleben!
Selbst die Bomber-Crews in großer Höhe (die Abwürfe erfolgten aus ca. 6-8.000 m) beobachteten das Ausmaß ihres Wirkens:
„… das Ziel wurde total ausgelöscht. Zwei extrem starke Explosionen waren erkennbar. Eine riesige Rauchwolke erhob sich mehrere tausend Fuß.“ (91st BG/401st BS Mission Report)
„Ein Heckschütze berichtete, dass er die Rauchwolken über dem Zielgebiet noch 170 Meilen [gut 270 km] weit auf dem Heimweg gesehen habe.“ (91st BG/614th BS Mission Report)
Auch wenn in der Auswertung der 8. US Air Force die Ergebnisse des Angriffs als „exzellent“ und besser als „bei jedem anderen Einzelziel bisher“ eingeschätzt wurden, hatte man das eigentliche Ziel längst nicht „total ausgelöscht“. Die Treffer gegen die Kugellagerwerke – wie auch die in den anderen Großbetrieben Rütgers und Bakelite – waren nicht unerheblich. Aber als rüstungswichtige Betriebe waren sie nach relativ kurzer Zeit wieder weitgehend einsatzfähig. Getroffen wurden vor allem das Städtchen Erkner und seine Bewohner.


