„Herrenrasse“ und „Volksgemeinschaft“
Schon im Frühjahr kam es auch in Erkner zu antisemitischen Übergriffen. Am Samstag, 1. April 1933, wurde ein erster zentraler Boykott gegen jüdische Geschäfte und Ärzte durchgeführt, von denen es aber in Erkner nur wenige gab. Der Bericht im AAE zeigt deutlich die gelenkte Organisation dieser Maßnahmen:
„Die Boykott-Maßnahmen, die heute Abend bis auf weiteres ihr Ende erreichen, wurden heute vom hiesigen Aktionsausschuß pünktlich durchgeführt. Um 10 Uhr vormittags zogen bewaffnete SA-Leute vor den jüdischen Geschäften und vor dem Haus eines jüdischen Arztes in der Siedlung auf. Sie führten die bekannten Plakate mit den vorgeschriebenen Aufschriften mit. Ein Transparent, am Gemeindeamt über die Straße gespannt, forderte außerdem zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Eine jüdische Firma in der Friedrichstraße hält aus Anlaß der Aktion heute geschlossen. Eine andere Firma hat ihr Reklameschild mit dem Firmennamen entfernt. Heute Abend 19.30 Uhr findet die angekündigte Protestversammlung im „Märkischen Hof“ statt.“ (AAE, 01.04.1933)
Wenige Tage später wurde dem „in hiesiger Apotheke angestellten jüdischen Apotheker Friedmann“ die Berufsausübung verboten (AAE, 04.04.1933).
Mit einer Verordnung des Reichsarbeitsministeriums vom 22. April 1933 schränkte man jüdischen Ärzten die Arbeit erheblich ein. Die Behandlung von Kassenpatienten wurde ihnen verboten. Der beliebte Hausarzt Dr. Hönigsberg – der bereits unter den Übergriffen am 1. April gelitten hatte – konnte zwar zunächst als ehemaliger Frontkämpfer im Weltkrieg weiter praktizieren, trotzdem verließ er mit seiner Familie im Sommer 1933 Deutschland.
9. November 1938 und „Arisierung“
Auch Menschen mit Behinderung wurden bald zur Zielscheibe von Ausgrenzung und Diskriminierung. So findet sich im AAE am 29. Juni 1933 der ausführliche Artikel „Kampf dem völkischen Verfall. Gesetzentwurf zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. In der Ausgabe vom 22. Januar 1934 gab es eine Grafik mit einem Erläuterungstext unter der Überschrift „Was kosten die Minderwertigen?“
Widerstand im Heim Gottesschutz
Mit der Durchsetzung der uneingeschränkten Macht der NSDAP scheinen sich die meisten Erkneraner bald arrangiert zu haben, viele stimmten dieser zumindest in den ersten Jahren wahrscheinlich sogar zu. Dazu trugen sicher auch die allmähliche Überwindung der Folgen der Weltwirtschaftskrise und auch die durchaus sichtbaren Erfolge in der Entwicklung Erkners bei – allerdings auf Kosten der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung durch die allgegenwärtige Einordnung in die NS-„Volksgemeinschaft“. Auch durch die Besserstellung als Angehörige einer angeblichen „Herrenrasse“ und Unterdrückung von Minderheiten, letztendlich durch die Ausplünderung unterjochter Nachbarvölker bis hin zu deren Vernichtung.


