Frühjahr 1945
Spätestens mit dem 8. März 1944 hatte der Krieg wohl alle Erkneraner eingeholt. Aber er sollte noch „totaler“ werden. Frauen, Jugendliche und Greise hatten schon viele Aufgaben in Wirtschaft und öffentlichem Leben übernommen – soweit dies nicht mit Zwangsarbeitern geschah. Jetzt wurden sie auch für die Anlegung von Panzersperren, Schützenlöchern und anderen Abwehranlagen herangezogen. In Erkner wurde seit Februar am Bahndamm, an den Ausfallstraßen und am Flakensee massiv „geschanzt“. Andere Quellen nennen auch den Dämeritzsee entlang der Hessenwinkler und Seestraße.
Seit Oktober 1944 sollte mit dem Volkssturm „des Deutschen Reiches stärkste Wunderwaffe“ (Himmler) aus den bisher nicht eingezogenen Männern zwischen 16 und 60 Jahren aufgebaut werden. In jedem Ort entstand dieses, meist miserabel ausgerüstete, letzte Aufgebot. Der in der Gemeindeverwaltung tätige Hauptmann d.R. Dummersdorf führte das hiesige Bataillon, bestehend aus je einer Kompanie aus Erkner, Woltersdorf und Sieverslake (Spreeau). Unklar ist, ob diese tatsächlich eine Stärke von jeweils ca. 120 Mann erreichten.
Falsch ist, dass der bekannte Verleger Ernst Rowohlt den Volkssturm in Erkner geführt habe. Er sollte das Grünheider Aufgebot leiten.
In Erkner lagen bereits seit Herbst 1943 Wehrmachts-, jedoch keine Kampfeinheiten. Wegen der Luftangriffe auf Berlin waren sie aus dem Wedding nach Grünheide verlegt worden. Zwei Kompanien (Bäcker und Schlächter) wurden in Erkner einquartiert, u.a. im damaligen Schützenhaus. Letztere 6. Kompanie führte seit Januar 1944 Hauptmann Baumert. Die Erlebnisse am 8. März 1944 hatten ihn und seine Soldaten offensichtlich eng an Erkner gebunden. So gelang es ihm in Zusammenarbeit mit einigen Erkneranern, eine illegale Organisation („O.I. 77“) aufzubauen. Im Dezember 1944 stellte sie einen Fünfpunkteplan auf, um bei einem Vormarsch der Roten Armee die völlige Zerstörung Erkners zu verhindern.
Ob es daneben weitere größere Truppenteile in Erkner gab, wie z.B. eine SS-Einheit im Zusammenhang mit dem Munitionslager, das am 24. August 1944 explodierte und weite Teile Hohenbindes zerstörte, ließ sich bislang nicht rekonstruieren.
Explosion in Hohenbinde, 24.08.1944
Mit allen Mitteln wurde versucht, das NS-System aufrecht zu erhalten. Niemand sollte sich ihm entziehen können. Seit dem 13. Februar entschieden auch hier Standgerichte über das Leben der Soldaten, die sich dem „totalen Krieg“ verweigerten. Selbst bei Zivilisten wurde rigoros vorgegangen, wie z.B. in Rahnsdorf. Als es am 6. April zur Plünderung eines Bäckerladens kam, wurden drei Beteiligte verhaftet, am Nachmittag standgerichtlich zum Tode verurteilt und zwei noch in dieser Nacht enthauptet. Die dritte wurde als Mutter von fünf Kindern zu zwölf Jahren Zuchthaus „begnadigt“. Goebbels selbst hatte dies als Berliner Gauleiter veranlasst und ließ es in Rahnsdorf und Umgebung öffentlich bekanntmachen. Das dürfte auch in Erkner nicht ohne Wirkung geblieben sein.

