21. April 1945
Seit dem 19. April waren die sowjetischen Truppen so schnell vorwärtsgekommen, dass ihr Erscheinen vor Erkner unmittelbar bevorstand. Nun sollte Erkners Lage an einem wichtigen Übergang über die Berlin vorgelagerte Verteidigungslinie entlang der Seenkette von der Dahme bis zum Stienitzsee das weitere Schicksal des Ortes bestimmen. Geplant war, diesen Engpass zwischen Dämeritz- und Flakensee mit der Sprengung der Flakenfließbrücken abzuriegeln. Durch rund 100 Widerstands- und MG-Nester, vor allem in den Ruinen in Erkners Zentrum, sollten die sowjetischen Panzer in dieser Sackgasse gebunden werden. Konzentrierter Artilleriebeschuss sollte dann – ohne jede Rücksicht auf Bewohner oder Gebäude – den Panzerstau beschießen und vernichten, so dass ein Übergang hier nur noch sehr schwer möglich gewesen wäre. Für Erkner hätte dies wohl den endgültigen Untergang bedeutet!
Diese Absichten hatten Hauptmann Baumert und die illegale Gruppe „O.I. 77“ wohl geahnt, denn ihr Fünfpunkteplan war gut darauf zugeschnitten und wurde bis auf einen Punkt auch umgesetzt. Nach diesem Plan sollte:
- Die Wehrmacht keinen Widerstand leisten.
- Das Sprengen der Brücken verhindert werden.
- Die Masse der Munition in einem Bunker unter Verschluß genommen werden.
- Zurückgehende deutsche Truppenteile um und in Erkner nicht eingewiesen sondern weitergeleitet werden.
- Durch eine zeitgewinnende Meldung an den Abschnittskommandeur das Zerstörungsfeuer der deutschen Artillerie auf Erkner unbedingt vermieden werden.
Lediglich die Sprengung der Brücken konnte nicht verhindert werden.
Zunächst lösten Luftschutzsirenen am Morgen mit Dauerton Panzeralarm aus, so wird in Woltersdorf berichtet. In Erkner soll um 6.30 Uhr mit dem Stichwort „Kolberg“ die Sprengbereitschaft an den Brücken ausgelöst worden sein. Noch zogen Flüchtlingsströme und Militärkonvois durch den Ort. Selbst letztere sollen meist in einem erbärmlichen Zustand gewesen sein, wie Friedrichshagener berichten.
Darunter waren wohl auch Einheiten, die eigentlich in Erkner aufgefangen und zum „Endkampf“ eingesetzt werden sollten. Dieses wurde genauso verhindert, wie der Einsatz von Volksturmleuten, der mit Hilfe von Hauptmann Dummersdorf schon nachhause geschickt worden war. Waffen und Munition entwaffneter Kräfte wurden in einem Bunker an der heutigen Thälmann-/Ecke Tietz-Straße gesammelt. Insbesondere eine durchziehende lettische SS-Einheit wurde weitergeleitet. Gerade solche Trupps kämpften oft fanatisch. So war SS maßgeblich an den Kämpfen in Woltersdorf (Schleusenberg und Kiez) und Rüdersdorf beteiligt. Besonders grausam ging sie in Hartmannsdorf vor. Einwohner hatten nach deren Abzug weiße Tücher an die Häuser gehängt als Signal der Aufgabe für die Rote Armee. „In der Nacht zum 22. April fielen plötzlich Schüsse, die SS war wieder da und wo weiße Fahnen hingen, erschossen sie alle.“
Auch Baumerts „Kompanie in Stärke von 300 Mann leistete keinen Widerstand“. So konnten die meisten der rund 100 Widerstandsnester in Erkners Ruinen kaum besetzt werden. Ähnlich war es an ausgebauten Stellungen mehrerer Nachbarorte. Auch Grünheide, Rahnsdorf, Wilhelmshagen, Hessenwinkel oder Schöneiche fielen weitgehend kampflos an die Rote Armee.
Zunächst erschienen aber gegen 11.00 Uhr die „ersten Russen“ in Erkner. 20 Jahre später berichtete der spätere kommissarische Bürgermeister Wilhelm Krägenau darüber:
„…um die elfte Stunde hörten wir von Hohenbinde das starke Kettengeräusch von herannahenden Panzern. Unsere Befreier waren da. Kurz vor Eingang des Waldes zum Kurpark hielt die Panzerspitze. Für uns war die Zeit gekommen. Voraussehend schwenkten wir in 20 m Entfernung den an einen Stock befestigten weißen Kopfkissenbezug als Fahne benutzend. Sofort sprang eine Panzerbesatzung ab.“
Ob dies wirklich so problemlos ablief, lässt sich nicht mehr prüfen. Es scheint aber auch nicht völlig ausgeschlossen, wie andere Darstellungen, z.B. aus Rahnsdorf oder dem Redentunnel in Rüdersdorf zeigen.
Nicht ganz klar bleibt der genaue Weg der sowjetischen Truppen nach Erkner. Sie scheinen aus Richtung Hohenbinde gekommen zu sein. Krägenau wohnte in Karutzhöhe, Forststr. 1, also unmittelbar an der Straße nach Hohenbinde, die damals aber wohl eher ein befestigter Waldweg war. Einige heutige Autoren bezweifeln, dass die Sowjets mit ihren Panzern Waldwege genutzt hätten. Aber ohne diese wäre auch nicht erklärbar, wie sie in Woltersdorf über den Schleusenberg einmarschiert sind oder nach Kagel u.a. über die Löcknitz. Eher fraglich erscheint jedoch eine andere Formulierung, dass sie „sich auf der alten preußischen Heeres- und Poststraße … von Hohenbinde her Erkner“ näherten. Diese Straße berührt Hohenbinde gar nicht. Aber vielleicht wurden beide genutzt.
Auffallend ist die Lage dieser „Waldwege“ in Bezug auf zwei nachgewiesene Kampfplätze. Die Stellungen einer im Jagen 72 und 29 getöteten Charlottenburger Volkssturmeinheit liegen in deren Nähe. Von Jagen 72 konnte man im Schutz der Autobahn beide Wege in der Nähe von Hohenbinde kontrollieren, von Jagen 29 dem vorgelagert die Chaussee Grünheide – Spreeau bzw. nach Hangelsberg. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Stellungen hart umkämpft waren.
Der weitere Weg durch Erkner ist im Detail nicht mehr bekannt. Aber sicher wurden in den nächsten Stunden weite Teile des Ortes durchkämmt. Jürgen Stapf aus der Bahnhofsiedlung sah „gegen Mittag im Eichberggestell den ersten Rotarmisten“. Dieser könnte aber auch aus Woltersdorf gekommen sein.
Ob dem wirklich eine „kampflose Übergabe“ folgte, ist eher unwahrscheinlich, wohl aber eine halbwegs kampflose Einnahme bzw. Besetzung.
Trotzdem waren dabei zahlreiche Opfer zu beklagen, vor allem auch durch viele Selbsttötungen! Von kleineren Gefechten zeugten in den Straßen liegende Erschossene. Aber nicht immer waren dies bewaffnete Kämpfer, wie z.B. der Friedhofsverwalter Otto Kalesse auf dem Friedhof oder der Bootsbaumeister Willy Gräbert in seiner Werkstatt. Von zahlreichen Übergriffen, Plünderungen und Vergewaltigungen wurde berichtet. Die meisten gab es jedoch wohl erst durch nachfolgende Einheiten, den sogenannten „Tross“.
Die weitgehend kampflose Einnahme Erkners ermöglichte auch ein relativ schnelles Vordringen über die nur wenig beschädigte Eisenbahnbrücke, so dass auch von Erkner aus am 21. April auf Berliner Territorium vorgerückt wurde. Noch am selben Tag errichteten die Rotarmisten Notbrücken über Löcknitz und Flakenfließ, so dass die Kampftruppen bereits am folgenden Tag gegen 17.00 Uhr nach Berlin abziehen konnten. Wie schnell solch ein Bau ging, zeigte sich schon in der ersten Nacht, als mit einer Notbrücke die Truppen von Rahnsdorf über die Spree nach Müggelheim übersetzten.



