Preisrallye
… macht hungrig und die Wohnung kalt
Im Sommer und Herbst 1922 begannen die Preise zu explodieren. Die wirtschaftliche und politische Lage verschlechterte sich rapide.
Bereits im August 1922 hatten sich die Lebenshaltungskosten einer 4-köpfigen Berliner Familie, die gerade noch einen Ausflug nach Erkner unternommen hatte, im Vergleich zum April 1922 verdoppelt, bis zum November 1922 gar versechzehnfacht![1] In Erkner war die Entwicklung für die Menschen nahezu deckungsgleich. Für den Mittelstand, Rentner und Erwerbsunfähige wurde es schwierig, die notwendigen Ernährungskosten zu bestreiten.
Überdies machte Erkners Amts- und Gemeindevorsteher (Bürgermeister) Bruno Lübkes Mitte August 1922 auf eine Verlautbarung der preußischen Regierung aufmerksam, dass im Winter 1922/1923 die Brennholzlieferung an die Bürger nicht in dem Umfang wie in den früheren Jahren aufrechterhalten werden könne. Und Lübkes appellierte an die Einwohner Erkners, „soweit irgend möglich, soll auf die Versorgung mit anderen Brennstoffen Bedacht genommen werden.“[2] Naheliegendste Brennstoffalternative waren Kohlen. Allerdings hatten sich die Lieferpreise für Briketts in Erkner von April bis Oktober 1922 bereits versiebenfacht.[3]
Der trübe November 1922 brachte mit sich, dass Brot und Milch in Erkner zunehmend unerschwinglich[4] wurden, Brennstoffe waren knapp oder kaum bezahlbar. Gleiches galt auch für das Kochgas und Wasser, deren Preise sich für Erkner zwischen April und November 1922 verzehnfacht bzw. verdoppelt hatten.[5]
Not macht erfinderisch und kriminell
Unter Bedingungen des Entzugs der existenziellen Lebensgrundlagen wurde in wachsendem Maße zu illegalen, unrechtmäßigen, kriminellen und gewaltsamen Mitteln gegriffen, um zu überleben, Tausch- und Schiebergeschäfte zu ermöglichen oder sich zu bereichern. Für Erkner wurde nun die unmittelbare Nähe zur 4 Millionen Einwohnerstadt Berlin durchaus bedrohlich.
In Erkner nahmen nicht nur die Einbrüche in Geschäfte und Privathäuser sprunghaft zu und verstetigten sich. Kriminelle Taten erstreckten sich zunehmend v. a. auf diese Gebiete:[6]
- Forstdiebstähle, in großem Maße Diebstahl von Holz aus aufgerichteten Stapeln
- Plünderung von Kartoffeläckern auf dem Buchhorst
- Diebstähle von Nutzvieh
- Systematische Diebstähle von Telefonkabeln
- Systematische Diebstähle von Eisenbahnsicherungstechnik
- Kirchendiebstähle (auch die ev. Kirche Erkner war mehrmals betroffen)
- Diebstähle von Geräten und Einrichtungen aus Edelmetallen (betroffen Unternehmen, Forschungseinrichtungen)
- Überfälle auf Landstraßen (u. a. Erkner – Woltersdorf; Erkner – Werlsee)
- Einbrüche in Bootshäuser am Dämeritzsee und der Müggelspree
- Systematische Einbrüche in Bekleidungsgeschäfte Erkners
Meldungen aus Erkners Polizeirevier
Hierzu einige beispielhafte Fälle:
- Ende Oktober 1922 wurde in der „Alten Hausstelle“ (heute: Nähe Hoffnungstaler Stiftung Lobetal) nachts eingebrochen, die Diebe schlachteten einen schweren Zugochsen und nahmen die großen Fleischteile mit.[7] Die Täter konnten nicht ermittelt werden.
- Mitte November 1922 wurden Gullydeckel der Rütgerswerke gestohlen sowie die komplette Drahtleitung an der Eisenbahnstrecke Erkner – Hangelsberg.[8] Die Bootshausbesitzer Erkners beantragten bei der Gemeindeverwaltung die Installation von Selbstschussanlagen auf ihren Grundstücken.[9]
Die Reaktionen des preußischen Staates und der Polizei in Erkner ließen nicht lange auf sich warten: u. a. wurde das Forstpolizeigesetz verschärft (Haftstrafe für unberechtigtes „Stoppeln“, Entwendung von Garten- und Feldfrüchten aus Gärten, Wiesen, Äckern, Gewässern etc.) und entsprechend angewendet.
Die gefassten Diebe ereilten teils drastische Strafen: So wurde z. B. der mehrfach vorbestrafte Arbeiter Otto L. aus Erkner, der seinem Dienstherrn einen Anzug und ein Paar Schnürstiefel gestohlen hatte, ertappt, verhaftet und zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt.[10]
Weit schlimmer erging es einem Dieb, der am Bahnhof Erkner mit einer gestohlenen Ziege, einem Schwein und einem Hahn gestellt wurde. Nach Auseinandersetzung mit einem Polizisten auf dem Bahnsteig und Fluchtversuch wurde er auf dem Bahnhofsgelände Erkners erschossen.[11]
Obwohl das Strafrecht und seine Anwendung scharf waren, nahmen all die o. g. Delikte in Erkner 1923 weiter zu und waren erst im Verlauf des zweiten Halbjahres 1924 rückläufig.
Tod in Seen und Wäldern
Leider verzeichnete Erkner auch eine wachsende Zahl von Selbstmordfällen. Allerdings betraf dies nicht mehrheitlich Erkneraner Einwohner, sondern insbesondere Berliner, die in Wäldern und Gewässern Erkners aufgefunden wurden.[12] Ende Oktober 1922 informierte Gemeindevorsteher Lübkes die Erkneraner Öffentlichkeit über eine Note des Potsdamer Regierungspräsidenten, die zur „Mitwirkung der Bevölkerung an der Bergung im Wasser treibender Leichen“ aufforderte und eine „Landungsgebühr von 100 Mark“ je geborgener Leiche auslobte. Die Leichenbergung sollte dann bei der zuständigen Ortspolizei angezeigt werden.[13]
Die Unsicherheit wächst
Die Novembersitzung der Gemeindevertretung Erkners endete mit einem Aufruf des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung, für die Ärmsten der Kommune (Klein- und Sozialrentner sowie Unterstützungsempfänger) zu spenden, um ihnen eine kleine Weihnachtsfreude zu bereiten. Spendenlisten wurden an alle Hauseigentümer ausgereicht, die Spenden waren an die Gemeindekasse zu entrichten.[14] Die Sammlung erbrachte bis zum 23.12.1922 370.000 Mark.[15]
[1] Kuczynski 1925, S. 66
[2] AAE, 16.08.1922
[3] Vgl. Tab. 4
[4] Vgl. Tab. 1 und 2
[5] Vgl. Tab. 3
[6] AAE, 26.04.1922, 01.10.1922, 06.12.1922, 22.12.1922, 31.12.1922, jede Ausg. 1923!
[7] AAE, u.a. 20.10.1922
[8] AAE, u.a. 19.11.1922
[9] AAE, u.a. 06.12.1922
[10] AAE, 15.10.1922
[11] AAE, 31.12.2022
[12] AAE, u.a. 29.09.1922
[13] AAE, u.a. 25.10.1922
[14] AAE, 06.12.1922
[15] AAE, u.a. 24.12.1922
